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Die Leibniz-Edition

„Wer mich nur aus meinen Veröffentlichungen kennt, kennt mich nicht“, schreibt Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) im Jahr 1696 an Vincent Placcius in Hamburg.

In der Tat: die überlieferten Handschriften zeichnen ein deutlich vielfältigeres Bild. In Briefen, Arbeitsnotizen, Konzepten, Exzerpten, Gesprächsaufzeichnungen und Marginalien werden nahezu alle relevanten Themen der Zeit behandelt. Vieles ist mehrfach überarbeitet, zerschnitten, gestrichen, verbessert, ergänzt, neu zusammengesetzt. Die Texte sind in lateinischer, französischer und deutscher Sprache abgefasst, manche auch auf Englisch, Niederländisch, Italienisch …

Insgesamt sind circa 50.000 Schriftstücke auf rund 100.000 Blatt erhalten, darunter etwa 20.000 Briefe mit ungefähr 1300 Korrespondenzpartnerinnen und -partnern. Heute befinden sie sich in Archiven und Bibliotheken auf der gesamten Welt. Einen Großteil des nahezu vollständig überlieferten Leibniz-Nachlasses verwahrt die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek (GWLB).

Bis in die Gegenwart ist das internationale Interesse an den Schriften und Briefen sehr groß. In den Texten zeigen sich nicht nur die Ergebnisse des vielfältigen Schaffens, das Leibniz’ Ruf als Universalgelehrter begründet. Oft handelt es sich um Zeugnisse des täglichen Arbeitens und Kommunizierens. Dies ermöglicht einen detailreichen Einblick in die Gelehrtenwelt der Frühen Neuzeit, in das Entstehen von Wissenschaft sowie in viele Aspekte der Politik- und Sozialgeschichte um 1700.

Leibniz korrespondiert mit Gelehrten verschiedenster Wissensgebiete, Angehörigen von Fürstenhöfen, Verwaltung und Diplomatie, Menschen aus Verlagswesen und Handwerk, seiner Verwandtschaft und den Bediensteten im eigenen Haushalt. Auch Missionare des Jesuitenordens in China und Personen in Russland, darunter Zar Peter I., stehen mit Leibniz in Kontakt. Bemerkenswert ist zudem die vergleichsweise hohe Zahl der Korrespondenzpartnerinnen. Frauen machen nach aktuellem Kenntnisstand durchschnittlich immerhin etwa vier Prozent, im Bereich des Adels sogar fast 40 Prozent aus – ganz im Gegensatz zur Situation in anderen überlieferten Briefwechseln dieser Zeit.

All dies macht Leibniz zu einer zentralen Figur eines weitläufigen und vielschichtigen Korrespondenznetzwerks. Darin bemüht er sich über Kulturen, soziale Schichten, Religionen und Konfessionen hinweg um Austausch und Vermittlung. Das Leitbild allseitigen Nutzens und vernunftgeleiteten Handelns dient ihm dabei als Orientierung. Die Relevanz als kulturelles Erbe spiegelt sich in der Auszeichnung des Briefwechsels als Weltdokumentenerbe im Rahmen des UNESCO-Programms „Memory of the World“ von 2007 wider.

Durch Digitalisierungsprojekte wurde ein weltweiter, freier Zugang zum Leibniz-Nachlass geschaffen. Ohne eine weitreichende Aufbereitung bleibt die Nutzung jedoch ungemein schwierig. Handschriftliches ist oft schwer lesbar, Inhalte bleiben ohne Recherche der Hintergründe unverständlich, und schon der gewaltige Umfang steht dem Auffinden einschlägiger Stellen im Weg. Editionen einzelner Schriften oder Teilbestände wurden seit dem 18. Jahrhundert unternommen. Sie haben die bisherige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Leibniz ermöglicht, bieten aber nur ein ausschnitthaftes, daher unvermeidlich verzerrendes Bild. Eine Gesamtedition erweist sich deshalb als grundlegend für die Leibniz-Forschung.

Das Projekt einer historisch‐kritischen Gesamtausgabe wurde 1901 als deutsch-französische Kooperation begonnen. Die in der Folge entstandene Edition Gottfried Wilhelm Leibniz: Sämtliche Schriften und Briefe gliedert sich in acht thematisch abgegrenzte Reihen. Heute wird dieses Vorhaben gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen im Rahmen des Akademienprogramms zur Erschließung, Sicherung und Vergegenwärtigung des kulturellen Erbes der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften langfristig weitergeführt.

An der GWLB ist mit dem Leibniz-Archiv/Leibniz-Forschungsstelle Hannover der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen seit 1962 eine von insgesamt vier Forschungsstellen der Leibniz-Edition angesiedelt. Hier werden Bände zu
 

erarbeitet.

Die übrigen Reihen der als Akademie-Ausgabe bezeichneten Gesamtausgabe werden in Münster (Reihe II: Philosophischer Briefwechsel und Reihe VI: Philosophische Schriften), Potsdam (Reihe IV: Politische Schriften und Reihe V: Historische und sprachwissenschaftliche Schriften) und Berlin (Reihe VIII: Naturwissenschaftliche, medizinische und technische Schriften) bearbeitet. Insgesamt werden bis zum angestrebten Ende der Bearbeitung im Jahr 2055 etwa 130 Bände erwartet. Bis Ende 2020 sind bereits 60 Bände erschienen.

Hinter der Entscheidung für eine historisch-kritische Edition steht die Absicht, die Schriftstücke von Leibniz und seinen Korrespondenzpartnern nicht nur zu entziffern und so eine Leseversion der Texte herzustellen. Vielmehr soll die Textgenese – der Entstehungs- und Entwicklungsprozess – eines Briefs oder einer Abhandlung anhand aller auffindbaren Überlieferungen nachvollziehbar gemacht werden. Dazu gehören kleine und größere Überarbeitungen, die ein für Leibniz charakteristisches „Schreiben beim Denken“ erkennen lassen. Erst zusammen mit der Erfassung der hierfür relevanten Textvarianten im kritischen Apparat bietet die Edition ein sicheres Fundament für weiterführende Forschungen.

Grundlage für die tägliche Arbeit sind hochauflösende digitale Fotos. Die in der GWLB aufbewahrten Originale werden zu ihrer Schonung nur zur Überprüfung und Klärung von Einzelheiten herangezogen.

Textinhalte und Eigenschaften der Textträger wie Wasserzeichen bilden die Basis, um die zeitliche Abfolge undatierter Dokumente zu rekonstruieren. Als Ergänzung können Ergebnisse eines computergestützten Verfahrens herangezogen werden, das im Projekt Digitale Rekonstruktion von Textzusammenhängen in den Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz entwickelt wurde.

Der inhaltlichen Erläuterung des Editionstexts dienen knappe Anmerkungen zu Umständen, Kontexten und Anspielungen. Typisch sind Identifizierungen von Personen und Ereignissen sowie Auflösungen von oft impliziten Verweisen auf Quellen und Literatur. Ebenso gibt es Erläuterungen zu mathematischen, technischen und naturwissenschaftlichen Sachverhalten.

Um innerhalb des umfangreichen Materials einzelne Inhalte auffindbar zu machen, werden Verzeichnisse angelegt. Alle Reihen listen in separaten Indizes die erwähnten Personen und Schriften auf. Sachverzeichnisse erschließen die Texte darüber hinaus thematisch. Bei den Briefreihen können zusätzlich Verzeichnisse der Korrespondenten und der Absendeorte der Briefe genutzt werden.

Auf der Website der Leibniz-Edition stehen digitale Versionen der Verzeichnisse zur Verfügung. In ihnen kann die Suche über alle Bände aller Reihen hinweg durchgeführt werden (Kumulierte Verzeichnisse). Das Leibniz-Archiv steuert die Personen- und Korrespondenz-Datenbank Leibniz-Connection bei. Bei der Betreuung ihrer Homepage wird die Leibniz-Edition von der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft unterstützt.

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