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Donnerstag,
den 10.
Dezember 2009 Prof. Dr. Brigitte Lohff (Hannover)
„Daß ein Gut nicht immer dauern
wird, ist kein Grund, es zu vernachlässigen ...“.
Leibniz’ Ideen zu Gesundheit und Krankheit Zum
Vortrag:
In meinen Überlegungen werde ich der Frage nachgehen, welcher
inhärente Bewegungsgrund Leibniz dazu veranlasst hat, sich mit dem
Phänomen der Gesundheit sowohl unter politischen als auch unter
moralphilosophischen Aspekten auseinanderzusetzen.
Leibniz sagt in den Nouveaux
essais, dass, auch wenn ein Gut ‒ wie die Ruhe der Seele,
die Gesundheit, das Leben ‒ nicht immer währt, „es keinen Grund gibt,
es zu vernachlässigen“. In der Formulierung „es nicht zu
vernachlässigen“ scheint mir ein Schlüssel zu liegen, dass für Leibniz
sein Konzept Theoria
cum praxi sich in diesem Kontext geradezu exemplarisch
veranschaulichen lässt. Auf der einen Seite lassen sich mit dem Hinweis
„es keinen Grund gibt, es zu vernachlässigen“ Überlegungen anstellen,
welche schädlichen Einflüsse auf die Gesundheit dem willentlichen
Fehlverhalten des Menschen zuzuschreiben und welche aus der
fehlgeleiteten Vernunft abzuleiten sind. Auf der anderen Seite lässt
sich anhand dieses Bereiches thematisieren, welche individuell
einzubringenden „Vorsorgen“ der Gesundheit zuträglich sind.
B. L.
Freitag,
den 13.
November
2009
Prof. Dr. Klaus Erich Kaehler (Köln)
Die Natur und das
Subjekt
Zum
Vortrag:
Die heute allenthalben geforderte Naturalisierung des Subjekts
(oder: des Geistes) erscheint in einem anderen Licht, wenn das Denken
sich von dem leiten und erfüllen lässt, was ‚Natur‛ und ‚Subjekt‛ für
die Philosophie bereits gewesen sind. Dazu bedarf es allerdings der
vorbehaltlosen Einlassung auf die Prinzipstellung, die der Natur
einerseits und dem Subjekt andererseits in den Epochen der Ersten Philosophie
zukommt: Während die anfängliche Epoche an der Natur als Physis die
Bestimmung ihrer Sache findet, wandelt sich in der mittleren Epoche die
Natur zu einem Abhängigen nämlich der Schöpfung. Die Reflexion dieses
Verhältnisses in der natürlichen Vernunft aber generiert das Subjekt
als Prinzip der neuzeitlichen Philosophie, das seine immanente
Vollendung erreicht in der Systematik des absoluten Subjekts. Aus
dieser Herrschaft des Subjekts erhebt sich die Natur am Subjekt selber,
denn durch die Selbstreflexion in seiner Vollendungsgestalt wird es in
eine unaufhebbare Dezentrierung getrieben, ohne als Ort der Wahrheit zu
verschwinden. Unter diesem nach-metaphysischen Prinzip ist das
Verhältnis des Subjekts zur Natur in der Tat neu zu bestimmen.
K. E. K.
Der
Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur
Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier
im doc-Format (Copyright beim Autor).
Freitag,
den 30.
Oktober
2009
Prof. Dr. Daniel J. Cook (New York)
Leibniz und
der Orient
Zum
Vortrag:
Vieles wurde zu Leibniz und China, wenig nur zu Leibniz’
Beschäftigung mit dem anderen
Orient geschrieben ‒ dem Nahen Osten:
Mein Vortrag wird Leibniz’ Einstellung zum Islam und dessen Anhängern
behandeln. Abgesehen von der Bedrohung Mitteleuropas durch die Türken,
die in seinen mittleren Jahren nachließ, betrachtete Leibniz den Islam
vorwiegend als theologisches
System. Er kommentierte die ihm
verfügbaren islamisch/arabischen Quellen und zeigte wachsendes
Interesse, so dass die Umrisse eines kohärenten Bildes seiner Haltung
zum nicht-chinesischen anderen
Orient sich abzuzeichnen beginnen. Indem
wir Leibniz’ Auffassung vom islamisch/arabischen Orient untersuchen,
schärfen wir nicht nur zugleich unser Verständnis seines lebenslangen
Bemühens um den Dialog zwischen Christentum und anderen Religionen,
sondern beleuchten außerdem die Rolle der Theologie des Islam im
religiösen Denken des damaligen Europa. Leibniz’ Haltung zum Islam ist
zudem kennzeichnend für die Haltung vieler Gelehrter in der
europäischen Frühaufklärung.
D. J. C.
Donnerstag,
den 8.
Oktober
2009
Dr. Andreas Blank (Paderborn)
Leibniz und
Gerechtigkeitstheorien in der Protestantischen Ethik
Zum
Vortrag:
In seinen frühen Notizen zum Naturrecht versucht Leibniz,
Platonische und Aristotelische Auffassungen zu verbinden. Auf der einen
Seite akzeptiert er die Platonische Auffassung, dass es ewige und
notwendige Wahrheiten in Bezug auf Gerechtigkeit gibt; in diesem Sinn
denkt er, dass Wahrheiten in Bezug auf Gerechtigkeit auf einer Ebene
mit arithmetischen und geometrischen Wahrheiten stehen. Auf der anderen
Seite akzeptiert er die Aristotelische Auffassung, dass Tugenden in
einem mittleren Maß zwischen Extremen bestehen und wendet diese
Auffassung auf den Begriff der Gerechtigkeit an. Leibniz’ Strategie ist
keinesfalls ein Einzelfall in der Philosophie der Frühen Neuzeit,
sondern entspricht einer Strategie, die in der Protestantischen Ethik
vor dem Dreißigjährigen Krieg einflussreich war. Insbesondere zeigt die
Gerechtigkeitstheorie des reformierten Philosophen Bartholomäus
Keckermann (1571-1608) interessante Parallelen mit Leibniz’ früher
Gerechtigkeitstheorie. Die Verbindung von Platonischen und
Aristotelischen Elementen in der Protestantischen Ethik ist
aufschlussreich, um das Wesen des frühneuzeitlichen Eklektizismus zu
verstehen. Eklektizismus in der Protestantischen Tradition wählt nicht
nur einzelne Elemente aus unterschiedlichen philosophischen Traditionen
aus, sondern reinterpretiert diese Elemente, so dass scheinbare
Widersprüche zwischen den Elementen aufgelöst werden. Vor allem aber
ist Eklektizismus ein Mittel, um philosophische Probleme zu lösen:
Elemente aus einer bestimmten philosophischen Tradition können dazu
dienen, diagnostizierte Argumentationslücken in einer anderen
philosophischen Tradition zu schließen.
A. B.
Freitag, den 28. August
2009
Prof. Dr. Kiyoshi Sakai (Tokio)
Sozialpolitische
Leitbilder - Leibniz’ Grundsätze einer gerechten Sozialpolitik
(Vortragsreihe
Leibniz’ politische
Überlegungen ‒ drei Vorträge im Vorfeld der Bundestagswahl)
Zum
Vortrag:
Woher kommen die wachsende Kluft und damit eine gewisse
Ausweglosigkeit in der heutigen Gesellschaft? Wenigstens eine Ursache
lässt sich in der seit den 1980er Jahren immer stärker globalisierten
Marktwirtschaft und damit verbundenen Veränderungen des bisher relativ
stabil gebliebenen Gesellschaftssystems finden. Dieser freien
Wirtschaft liegt aber eine Genealogie des „Liberalismus“ zu Grunde, als
dessen wichtigster Vertreter John Locke gilt, der im 17. Jahrhundert in
England und Amerika die Unbeschränktheit der einzelnen
Wirtschaftsaktivität unterstrichen hat. Im Gegensatz dazu steht die für
uns hochinteressante politische Philosophie von Leibniz, der Locke
kritisiert, um „Freiheit“ unter die Vernunft zu bringen und
„Gerechtigkeit“ ausdrücklich als „sozial“ zu kennzeichnen. Leibniz’
Begriff von „Gerechtigkeit“ reicht über eine bloß quantitative
Ungleichheit zudem hinaus; er bezieht vielmehr die „Individualität“ des
einzigartigen Individuums und die „Mannigfaltigkeit“ in der aus solchen
Individuen bestehenden Welt in den Kontext seiner monadologischen
Metaphysik ein.
K. S.
Freitag, den 21. August
2009
Dr. Luca Basso (Padua)
Regeln einer effektiven
Außenpolitik – Leibniz’ Bemühen um eine Balance widerstreitender
Machtinteressen in Europa
(Vortragsreihe
Leibniz’ politische
Überlegungen ‒ drei Vorträge im Vorfeld der Bundestagswahl)
Zum
Vortrag:
Im Vortrag wird es darum gehen, Leibniz’ Auffassung
vom
Völkerrecht zu analysieren, um deren Distanz zu einerseits Hobbes und
andererseits der späteren Position Kants zu betonen. Es wird
aufgezeigt, welche Verbindung zu den Grundlagen des Leibnizschen
Naturrechts besteht und insbesondere erklärt, inwiefern die Metapher
der Balance
zum Verständnis der Struktur des Deutschen Reiches und der Lage in
Europa von entscheidender Bedeutung ist.
L. B.
Freitag, den 14. August
2009
Prof. Dr. Jaime de Salas (Madrid)
Leibniz’ Grundsätze für
die politische Auseinandersetzung im Lichte der modernen politischen
Philosophie
(Vortragsreihe
Leibniz’ politische
Überlegungen ‒ drei Vorträge im Vorfeld der Bundestagswahl)
Zum
Vortrag:
Die heutige politische und soziale Verfassung
unsererGesellschaft
beruht auf leitenden Ideen Leibniz’ und generell der
Aufklärung, wir wissen aber, dass der durch jene Grundgedanken
angestrebte Idealzustand keineswegs verwirklicht ist. Der Vortrag
stellt die philosophischen Begriffe des Optimismus und der Kontingenz
vor und versucht zu zeigen, wie das in Leibniz’ Denken hergestellte
Gleichgewicht traditioneller und moderner Elemente dann zusammenbricht
‒ dies schließt Erörterungen hinsichtlich der Entwicklung von
Institutionen und Ideen ein. Die Bedeutung der repräsentativen
Demokratie steht für unser Politikverständnis außer Frage, viele von
Leibniz vertretene ‒ und beispielsweise den Konzepten Public Choice oder soziales Kapital
verbundene ‒ Positionen gehen aber auch in gegenwärtige politik- und
sozialwissenschaftliche Debatten ein.
In diesem Zusammenhang ist der Blick auf Leibniz’ theoretische
Praxis in ihrer Gegenüberstellung zu seinen Theorien von besonderer
Bedeutung. J. d. S.
Donnerstag,
den 18.
Juni
2009
Prof. Dr. Rolf Elberfeld (Hildesheim)
Ordnungen mathematischen
Wissens. Paradigmatische Vergleiche zwischen China und Europa
Zum
Vortrag:
Sowohl Europa wie auch China verfügen über eine alte Tradition
der
Mathematik. Im Vortrag wird es darum gehen, die jeweilige Stellung und
Bedeutung der Mathematik in der Ordnung des Wissens innerhalb der
europäischen und der chinesischen Tradition anhand ausgewählter
Beispiele zu beleuchten. Hierbei werden Fragen eine Rolle spielen wie:
Welchen Sinn besaß die Idee der „Exaktheit“ in beiden Traditionen?
Welcher Zeitlichkeitsstatus kam der Mathematik jeweils zu und welche
Bedeutung hatte dies für die Entwicklung der Mathematik und die
Anwendung der Mathematik auf die Natur?
R. E.
Donnerstag,
den 4.
Juni
2009
Prof. Dr. Andrew Weeks (Normal, Illinois)
Paracelsus, Rabelais und
das medizinische Weltbild des 16. Jahrhunderts
Zum
Vortrag:
Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus
(1493/94-1541), ist eine Gestalt von andauernder Faszination, deren
Werk allerdings schwer zugänglich ist und oft missverstanden wird.
Seinem Weltbild können wir uns nähern, indem wir seine Medikamente,
Begriffe, Anspielungen und Terminologien als ein medizinisches
Allgemeingut erkennen, das er unter anderen mit seinem Zeitgenossen und
Arztkollegen François Rabelais (1483/94-1553) teilte.
A. W.
Donnerstag,
den 7.
Mai
2009
Dr. Catherine Atkinson (Hannover)
„Noa erfand erstlich den
Wein“: Das Lob des Erfinders in der Frühen Neuzeit
am Beispiel von Polydore Vergils „De rerum inventoribus“
Zum
Vortrag:
Jede Epoche hat ihre eigene Vorstellung vom ‚inventor’, vom
Erfinder, und lobt ihn auf die ihr eigene Weise. In der Antike galten
Götter, Göttinnen und Heroen als Erfinder eines jeden
Zivilisationsschrittes und als Gründer gesellschaftlicher
Institutionen. In seinem enzyklopädisch angelegten Werk Über die Erfinder aller Dinge
(De rerum inventoribus,
Erstausgabe 1499 und stark erweiterte Neuausgabe 1521) rang der
italienische Humanist Polydore Vergil (†1555) um eine neue Definition
des Erfinderbegriffs. Hieran und an der 200 Jahre währenden Rezeption
von Vergils Werk – bis in Leibniz’ Zeit hinein – lässt sich vieles
ablesen: das wachsende Vertrauen in die menschliche Schaffenskraft, ein
Wetteifern mit den Kulturleistungen der Antike, der soziale Aufstieg
der Handwerksberufe und des Ingenieurwesens und die allmähliche
Bejahung des Innovativen.
C. A.
Dienstag,
den 10.
Februar
2009
Oberbürgermeister Stephan Weil (Hannover)
Wissenschaft und
Kommune. Warum sollten Städte Wissenschaftsförderung betreiben?
Zum
Vortrag:
In der modernen Wissensgesellschaft kommt der effizienten
Produktion, Verteilung und Verwertung von Wissen eine wachsende
Bedeutung zu. Nur die Großstädte, die der Wissenschaft, den
Forschungseinrichtungen und den Studierenden eine gute Perspektive
bieten, können künftig erfolgreich sein. Hierbei spielt die
Anziehungskraft urbanen Lebens in Form der Gestaltung eines weltoffenen
und innovativen Klimas eine herausragende Rolle.
S. W.
Donnerstag, den 18. Dezember
2008
Prof. Dr. Hans Günter Dosch (Heidelberg)
Leibniz' Seelenlehre als
Grundlage für eine Philosophie der Neurowissenschaften
Zum
Vortrag:
In jüngster Zeit wird von Neurophysiologen immer wieder auf
die Relevanz der Neurowissenschaften für erkenntnistheoretische und
ethische Fragen hingewiesen. In meinem Vortrag versuche ich zu zeigen,
dass auf der Suche nach einer Philosophie der Neurowissenschaften sich
gerade die Seelenlehre von Leibniz als eine erfolgversprechende Basis
anbietet.
Nach einer kurzen Schilderung der für diese
Überlegungen
wesentlichen Elemente der Leibnizschen Seelenlehre und deren enger
Beziehung zu seiner Dynamik zeige ich an zwei Ergebnissen
neurophysiologischer Experimente die Tragfähigkeit des Leibnizschen
Ansatzes.
H. G. D.
Freitag, den 21. November
2008
Dr. Hartmut Rudolph (Hannover)
Daniel Ernst Jablonski
und Gottfried Wilhelm Leibniz – Beobachtungen zur Wissenschafts- und
Kirchenpolitik in der Frühaufklärung
Zum
Vortrag:
Daniel Ernst Jablonski (1660-1741), ein Enkel des
tschechischen Philosophen, Theologen und Pädagogen Johann Amos
Comenius, zählt zu den bedeutenden Gestalten der europäischen
Frühaufklärung. Wie Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war er Teil
eines Netzwerkes europäischer Gelehrsamkeit; seine Verbindungen
reichten von England bis nach Russland; als einflussreicher
reformierter Hofprediger in Berlin und als Bischof der Böhmischen
Brüder trat er für verfolgte religiöse Minderheiten in Europa ein. Zwei
Projekte führten ihn mit Leibniz zusammen: die Gründung der Preußischen
Akademie der Wissenschaften und der Versuch, die getrennten
protestantischen Konfessionen (Lutheraner und Reformierte/Calvinisten)
zu vereinen. Im Vortrag wird nach Grundlagen und Motiven beider
Persönlichkeiten gefragt und auch ein Blick darauf geworfen, inwieweit
sich ihre jeweiligen wissenschafts- und kirchenpolitischen Intentionen
in den nachfolgenden Jahrhunderten als tragfähig erwiesen haben.
H. R.
Donnerstag, den 11. September
2008
Prof. Dr. Gideon Freudenthal (Tel Aviv)
Rationalismus und Common
Sense: Mendelssohns Begründung des Judentums
Zum
Vortrag:
Moses Mendelssohn (1725-1786) galt zu seinen Lebzeiten als
wichtigster deutscher und jüdischer Aufklärer. Er legte seine
Religionsphilosophie in seinem Jerusalem
oder über religiöse Macht und Judentum
(1783) dar. In diesem Werk tritt Mendelssohn einerseits für eine
strikte Trennung zwischen Staat und Kirche ein, andererseits entwickelt
er (im zweiten Teil) auch seine Auffassung des Judentums. Dieser Teil
des Werkes ist immer wieder kritisiert worden. Mendelssohn behauptet,
dass die „natürliche Religion“ (Anerkennung der Existenz Gottes,
Vorsehung und Belohnung und Strafe) allein mit gesundem
Menschenverstand für wahr erkannt werden könne, und daher sei auch die
ewige Glückseligkeit unabhängig von jeglicher geoffenbarten Religion.
Wenn dem aber so sei, so meinen die Kritiker, warum begnügte sich
Mendelssohn nicht mit dieser natürlichen Religion, sondern bestand
darauf, dem Judentum die Treue zu halten? In Jerusalem
argumentierte Mendelssohn, dass das jüdische „Zeremonialgesetz“ den
Abfall in Idolatrie verhindere. Diese These Mendelssohns gründet in
seiner Zeichentheorie und ist nicht verstanden worden. In meinem
Vortrag möchte ich diese Theorie entwickeln und anhand von Mendelssohns
Kommentar zum Exodus
ihren Beitrag zu Mendelssohns Theorie der Idolatrie und daher zur
Daseinsberechtigung des Judentums aufzeigen.
G. F.
Sonnabend, den 31.
Mai
2008
Prof. Dr. Dr. h.
c. mult. Robert Spaemann (München)
Seelen
(Vortrag im Rahmen des Festivals der Philosophie in Hannover)
Zum
Vortrag:
Die Rede von Seelen ist in Misskredit geraten. Der
Materialismus, der reduktionistische wie der nichtreduktionistische,
versucht, die Seele ersatzlos zu streichen und die ihr zugeschriebenen
Zustände und Tätigkeiten als physiologische zu erweisen. Der prekäre
philosophische Status der Seele rührt vor allem her von der
Hypostasierung einer unabhängigen Seelensubstanz durch Descartes, die
auf schwer erklärbare Weise mit einer Körpersubstanz verbunden sein und
mit dieser den Menschen ausmachen soll. Kant hat mit gewichtigen
Argumenten den Gedanken einer solchen Seelensubstanz als Paralogismus
kritisiert. Diese Kritik hat, zusammen mit Humes Argument der
Unerfahrbarkeit einer solchen Substanz, dem Festhalten an ihr innerhalb
der Philosophie die Respektabilität genommen.
Der Gedanke der Unsterblichkeit der Seele ist der Gedanke,
dass auch die endliche Partizipation an Sinn, also Transzendenz, da sie
keine Funktion organischer Selbsterhaltung ist, mit dieser nicht
zugrunde geht. Die Unsterblichkeit der Seele ist ein Postulat der Liebe
und ein Postulat mit Bezug auf die Liebe, die ihr eigenes Ende nicht
denken will, weil sie es nicht denken kann, ohne ihre eigene Idee zu
destruieren.
R. S.
Donnerstag, den 27. März
2008
Prof. Dr. Heinrich Schepers (Münster)
Neues zu Raum und Zeit
bei Leibniz
Zum
Vortrag:
Als Leibniz im letzten Jahr seines Lebens in seiner
Auseinandersetzung mit Samuel Clarke der von Newton vertretenen Theorie
eines absoluten Raumes und einer absoluten Zeit seine Auffassungen
entgegenstellte, waren diese bei ihm schon lange ausgereift, wenn auch
nicht von ihm zusammenfassend niedergeschrieben worden.
Leibniz’ Theorie wurzelte stark in seiner in ihren Grundzügen
geheimgehaltenen Metaphysik, für die er bei Newton und Clarke kein
Verständnis erwarten konnte. So beschränkte er sich darauf, alles auf
den Satz vom Grund zurückzuführen, kam aber selbst damit nicht an.
Man kann sich nur Klarheit über Leibniz’ Begriffe von Raum und
Zeit verschaffen, indem man seinen verstreuten Äußerungen und
Definitionen nachgeht und sie in Verbindung bringt mit seinen
Grundauffassungen über die Natur der singulären Substanzen, die sich
und perspektivisch ihre Welt, ohne aufeinander Einfluss zu nehmen,
durch ihre freien Handlungen konstituieren. Die Folge beziehungsweise
das Nebeneinander dieser Handlungen sind es, die die Ordnungen
ausmachen, die wir als Zeit und Raum begreifen, sowohl für alles
Existierende wie auch für alles nur möglich Gebliebene.
Es ist diese allumfassende Einbettung seiner Theorie von Zeit
und Raum in eine bis dahin unerhörte Metaphysik der individualisierten
Possibilien, die sich im Geiste Gottes frei entfalten, bevor der
göttliche Wille beschließt, die beste der von ihnen gebildeten Welten
zur Existenz zu bringen, die Leibniz nicht zu veröffentlichen wagte.
H. S.
Donnerstag, den 17. Januar
2008
Dr. Alfred Schröcker (Wunstorf)
Ein Eigendenker. Der
junge Johann Christian Kestner in der Aufklärung
Zum
Vortrag:
Johann Christian Kestner (1741-1800) ist bekannt als Ehemann
der Charlotte Buff und somit auch als der vernünftige „Albert“ in
Goethes Leiden des
jungen Werther, etwas weniger als langjähriger
Korrespondent Goethes, am wenigsten als Vater der mit acht
erfolgreichen Söhnen einflussreichen Familie, darunter auch der
Diplomat und Kunstsammler August Kestner, auf den das Kestner-Museum
Hannover zurückgeht.
Im Nachlass Kestner (Stadtarchiv Hannover) sind
trotz schwerer
Kriegsschäden zahlreiche Manuskripte des jungen Johann Christian
Kestner erhalten (1760-1767). Sie ergeben ein detailliertes Bild
darüber, wie Aufklärung bei diesem Sohn eines führenden hannoverschen
Verwaltungsbeamten (Johann Hermann Kestner war Geheimer Sekretär)
ankommt.
Kestner hat sich in jungen Jahren vor allem für
Literatur und
Geschichte interessiert, in keiner Weise für Philosophie. So hat er in
dieser Zeit kaum Philosophen gelesen, weder Leibniz, Wolff und seine
Schüler noch den frühen Kant, schon gar nicht Voltaire oder Rousseau,
dagegen La Bruyères „Charaktere“ und Lockes Erziehungsbuch, also keine
Theorie. Diese Situation bietet uns heute die Möglichkeit, am konkreten
Fall Johann Christian Kestner zu prüfen, welches Gedankengut der
Aufklärung gerade bei einem nicht an Philosophie interessierten jungen
hannoverschen Bürger kurz nach der Mitte des 18. Jahrhunderts
angekommen ist. Dabei stellt sich heraus, dass bei Kestner wesentliche
Grundzüge aufklärerischen Denkens wie selbstständiges Denken und
Hinterfragen, wesentliche Rolle von Nutzen, von Erfahrung u. a.
vorhanden sind, die er konkret und eigenständig in unterschiedlichen
Bereichen wie Moral, Pädagogik, Medizin oder Physiognomik anwendet.
A. S.
Donnerstag, den 22. November
2007
Prof.
Dr. Theo Kölzer (Bonn)
„Der Zweck
heiligt die
Mittel“?
Mittelalterlichen Urkundenfälschern auf der Spur
(Vortragsreihe Die
verborgene Sprache der Dinge
zum Jahr der Geisteswissenschaften)
Zum
Vortrag:
„Die Welt will betrogen sein, also wird sie
betrogen“, lautet eine alte Erkenntnis, und die
regelmäßig aufgedeckten Skandale in allen Bereichen
des heutigen gesellschaftlichen Lebens bestätigen sie immer
wieder aufs Neue. Allenfalls den Fachleuten dürfte bekannt
sein, dass auch das christlich geprägte Mittelalter in dieser
Beziehung Erkleckliches geleistet hat und dass die Fernwirkungen z. T.
bis in unsere Zeit reichen. Dabei handelt es sich keineswegs nur um
„Kutten-Kujaus“ (Der
Spiegel) oder
lichtscheues Gesindel, obwohl solche generellen Stigmatisierungen unser
Vorurteil befriedigen. Der Historiker wird unter dem Eindruck einer
sorgfältigen Analyse von Einzelfällen um ein
differenziertes Urteil jenseits einer pauschalen Verdammung oder einer
Generalabsolution bemüht sein müssen. Der Vortrag
erläutert dies anhand eines konkreten Beispiels:
Jüngste Forschungen sind einem Fälscher-Abt des
beginnenden 12. Jahrhunderts auf die Spur gekommen, der einen
umfangreichen Komplex von Königs-, Kaiser- und Papsturkunden
gefälscht hat und auch für Auswärtige
tätig wurde. Die Beobachtungen gewähren gleichsam
einen Schulter-Blick in seine Werkstatt und erlauben
Rückschlüsse auf seine Motivation, seine Mitwisser
und den Erfolg seiner Bemühungen.
T. K.
Freitag, den 16. November 2007
Prof. Dr. Dr. Franz Schupp (Freiburg/Br.)
Averroes
Latinus /
Averroes Arabus. Ein Missverständnis: Leibniz und
andere
Zum
Vortrag:
Ibn Rušd (1126-1198) wurde den lateinischenPhilosophen und
Theologen unter dem Namen Averroes durch die lateinischen
Übersetzungen
seiner umfangreichen Aristoteles-Kommentare und seines medizinischen
Kompendiums Colliget
bekannt. Aus der Beschäftigung mit diesen Kommentaren ging der
berühmt-berüchtigte sog. lateinische Averroismus
hervor, der manchmal
als „Aufklärung im Mittelalter“ bezeichnet
wird. Aufgrund dieser
Entwicklung wurde in den westlichen Ländern auf die Person des
Averroes
zurückgeschlossen, also ein „lateinischer
Averroes“ konstruiert, ein
Bild, das bis ins 19. Jahrhundert hinein geltend war.
Die eigenen philosophisch-theologischen Schriften des Averroes
(etwa 700 Druckseiten) wurden mit Ausnahme eines zwei-Seiten-Textes
weder ins Lateinische noch auch in irgendeine westliche Sprache
übersetzt, waren somit unbekannt und konnten daher auch nicht
in die
Einschätzung des Averroes einbezogen werden. Diese seit dem
13.
Jahrhundert in Madrid liegenden Manuskripte wurden erst in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt und ediert und gaben
Anlass zu
einer Revision des Averroes-Bildes und zu einer
Neueinschätzung des
sog. Averroismus. Die Diskussion über die damit aufgeworfenen
Fragen
dauert bis heute an. Dieser „arabische Averroes“
wird auch in der
gegenwärtigen kulturphilosophischen Diskussion in den
arabischen
Ländern herangezogen, aber manchmal auch mit dem
„lateinischen“
Averroes verwechselt.
F. S.
Der
Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur
Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier
im doc-Format (Copyright beim Autor).
Donnerstag, den 18. Oktober
2007
Claudia
M. Boedecker (Hannover)
Sehen
lernen am Beispiel von Fälschungen und Originalen im
Kestner-Museum
(Vortragsreihe
Die verborgene Sprache
der Dinge
zum Jahr der Geisteswissenschaften)
Zum
Vortrag:
Dieser spannende Vortrag bietet einen kleinen Exkurs
in die
detailgenaue Beobachtung und Untersuchung einiger musealer Exponate von
der Antike bis zum 20. Jahrhundert.
Fragen wie „was sagt uns die
Herstellungstechnik,
was die
Funktion“, „wie kann die Stilgeschichte Aufschluss
geben über falsche
Datierungen“ und „wie unterscheide ich Original und
Fälschung“ werden
geklärt. Neben einer solchen Herangehensweise an ein Objekt
stehen dem
Sammler immer auch die naturwissenschaftlichen Methoden zur
Überprüfung
zur Verfügung, deren Kosten aber häufig in keinem
Verhältnis zum
Objektwert stehen. Deshalb kann und sollte den eigenen Augen und der
eigenen Fachkenntnis vertraut werden.
Handelt es sich bei den Exponaten auch nicht immer um
arglistige Täuschungen, so wird doch deutlich, dass auch die
Hersteller
der „unechten“ Objekte oft Meister ihres Faches
waren.
C. M. B.
Donnerstag, den 12. Juli 2007
Dr.
Karljosef Kreter (Hannover)
Bedeutet
Hannover wirklich „hohes Ufer“? Zur Entwicklung der
Namensdeutung von
den ältesten Sagen bis zur wissenschaftlichen
Erklärung
(Vortragsreihe Die
verborgene Sprache der Dinge
zum Jahr der Geisteswissenschaften)
Zum
Vortrag:
Die erste urkundliche Erwähnung Hannovers
stammt aus
dem Jahr
1163.
Sagen, die den Namen „Hannover“ deuten, datieren
erst aus dem 16.
Jahrhundert. Die aus heutiger Sicht primitiven
„Erklärungen“ beziehen
sich etwa auf den Namen eines Stadtgründers (Hanof) oder
erzählen eine
Deutungslegende, die Hannovers Lage an der Leine einbringt
(hinüber);
im 17. Jahrhundert schreckt man vor abenteuerlichen
Buchstabenumstellungen nicht zurück. Das Bedürfnis zu
erkennen, was
hinter dem Namen „Hannover“ steht, ist auch in der
Folge nicht
erloschen. Im 20. Jahrhundert verdrängte die schon von Leibniz
ins
Spiel gebrachte fragwürdige Deutung „hohes
Ufer“ alle älteren
Varianten. – Der Vortrag zeichnet die Entwicklung in ihrem
historischen
Kontext nach und macht sie verständlich. Für den
Namen „Hannover“ wird
eine neue, zeitgemäße Erklärung auf
wissenschaftlicher Grundlage
angeboten.
K. K.
Donnerstag, den 28. Juni 2007
Prof.
Dr. Herbert Breger (Hannover) / Dr. Sabine Sellschopp (Berlin) /
Dr.
Siegmund Probst (Hannover)
„...
confusum est chaos schedarum“: Irrwege, verwischte Spuren und
verborgene Wegweiser im Labyrinth des Leibniz-Nachlasses
(Vortragsreihe Die
verborgene Sprache der Dinge
zum Jahr der Geisteswissenschaften)
Zum
Vortrag:
Nicht nur einmal bringt Leibniz das Gefühl
zum
Ausdruck, von
den ihn umgebenden Papiermassen erdrückt zu werden. Auch heute
können
die Dimensionen seines Nachlasses, die Vielzahl von Abhandlungen und
Briefen, Exzerpten, Konzepten und Reinschriften, Faszikeln,
Blättern
und Zetteln den Eindruck eines Urwaldes – oder eines
Labyrinths –
aufkommen lassen. Wohl sind darin Wege abgesteckt,
Ariadnefäden
ausgelegt: das (weit mehr als den eigentlichen Nachlass umfassende)
Material ist mehrheitlich katalogisiert. Dass dies noch kein
Durchkommen garantiert, gehört zu den täglichen
Erfahrungen der
eigentlichen „Wegbereiter“: der
historisch-kritischen Edition von
Leibniz’ Sämtlichen
Schriften und Briefen. Denn der weitaus
größere Teil der
Leibniz-Überlieferung – ob Briefe oder Abhandlungen
– war nicht für
eine größere Öffentlichkeit bestimmt,
sondern nur für einen kleinen,
eingeweihten Adressatenkreis. Und das bedeutet: vieles wird nur
angedeutet, bleibt implizit – und muss heute erst
mühsam erschlossen
werden. Darüber hinaus fehlen nicht selten elementare Angaben
wie eine
Datierung oder Adressatenzuweisung. Und schließlich hat
Leibniz in
seinen späteren Lebensjahren, in denen er sich zunehmend
veranlasst
sah, Pläne und Wege zu verschleiern, eventuelle ungebetene
Mitleser
seiner Briefe mitunter auf Irrwege geführt – die die
Editoren überhaupt
erst einmal als solche erkennen müssen. Beispiele
hierfür wollen wir
präsentieren – und aufzeigen, wie unsere
Handschriften dann aber doch
zu Aussagen gebracht werden können, die sie mitunter nach
Leibniz’
Intention eigentlich verschweigen sollten.
H. B. / S. S. / S. P.
Donnerstag, den 7. Juni 2007
Prof.
Dr.-Ing.
Dr.
h. c. mult. Friedrich-Wilhelm Wellmer (Hannover)
Leibniz’
Wirken im Oberharzer
Silberbergbau
Zum
Vortrag:
Der Vortrag gliedert sich in drei Blöcke:
Im
ersten Block werden die geologischen und technischen
Grundlagen des Oberharzer Silberbergbaus im ausgehenden 17. Jahrhundert
erläutert. Der Oberharz war eines der vier großen
Silberbergbaugebiete
Europas neben Tirol, dem ungarisch/slowakischen Erzgebirge und dem
sächsisch/böhmischen Erzgebirge. Da Silber das
Münzmetall schlechthin
war mit einer für Silber fünfmal günstigeren
Gold/Silber-Relation als
heute, war Silberbergbau der wichtigste Bergbauzweig überhaupt
und
Technologietreiber.
Die Harzer Gruben hatten mit zulaufendem Wasser zu kämpfen.
Daher war
das „Zu-Sumpf-halten“ der Gruben eine wichtige
Voraussetzung für den
Silberbergbau. Dies geschah mit Pumpen, die von Wasserrädern
angetrieben wurden. Wasser war die Energie des Harzer Silberbergbaus
schlechthin. Zu Leibniz’ Zeiten war das Potential der
Wassernutzung für
den Oberharzer Bergbau fast ausgenutzt. Ein Paradigmenwechsel war
notwendig. Hier setzte Leibniz an, indem er die Edelenergie Wasser, die
hervorragend gesteuert werden konnte, mit der unstetigen, daher weniger
edlen Energie Wind kombinieren wollte. Sein Plan war, das Wasser, das
bereits Wasserräder angetrieben hatte und abgearbeitet war,
mit Hilfe
von Windmühlen über Sparteiche zu rezyklieren.
Im zweiten Block wird der politische und
organisatorische
Rahmen erläutert, der Leibniz’ Wirken im Oberharz
bestimmte.
Im dritten Block wird auf Leibniz’ Wirken
im
Oberharz
eingegangen. Man kann dieses Wirken in drei Phasen unterteilen:
1678-1685/86 Wasserwirtschaft s.o., 1685/86 und 1692-95 Entwicklung von
drei Verbesserungen zur Schachtförderung, 1712-1715
Entwicklung eines
Instrumentes zur barometrischen Höhenmessung.
Abschließend wird der
Frage nachgegangen, warum Leibniz im Oberharz gescheitert ist.
F.-W. W.
Donnerstag, den 19. April 2007
Dr. Eva
Johanna Schauer (Hannover)
Prinzessin
Antonia zu Württemberg (1613-1679) und ihre kabbalistische
Lehrtafel
Zum
Vortrag:
Prinzessin Antonia zu Württemberg
gehört zu
den fürstlichen
Frauen des 17. Jahrhunderts, deren Lebenszeit
von den Wirren des 30jährigen Krieges überschattet
wird. Männermangel versagt ihr eine dynastische Bedeutung,
aber der berühmte schwäbische Theologe und
Schriftsteller Johann Valentin Andreä sorgt für eine
außergewöhnliche Bildung der Prinzessin und ihrer
beiden Schwestern Anna Johanna und Sibylla, die nicht nur das Erlernen
von Latein, naturwissenschaftlicher Disziplinen, Kunst und Musik
einschließt, sondern im Falle Prinzessin Antonias auch das
Erlernen der hebräischen Sprache – ein Novum selbst
für die Theologen der damaligen Zeit.
Mit der Kabbalistischen Lehrtafel,.die in der
Dreifaltigkeitskirche von Bad Teinach zu besichtigen ist,
ließ die Prinzessin nicht nur ein Unikat in der Kunstwelt
schaffen, sondern einen originellen und universellen Ausdruck barocker
Lebenskultur und persönlicher Frömmigkeit.
E. J. S.
Donnerstag,
den 8.
März 2007
Prof. Dr. Hans
Poser (Berlin)
Ethische
Probleme der Nanotechnologie
Zum
Vortrag:
Nanowissenschaften beschäftigen sich mit
Eigenschaften von
Strukturen aus wenigen Atomen, in der Nanotechnologie geht es um die
Manipulation und Nutzung dieser Strukturen und ihrer Eigenschaften.
Obwohl und weil all diese Forschung und Entwicklung noch ganz am Anfang
steht, gibt es auf der einen Seite euphorische Vorhersagen
über neue
technische Wunderwelten, denen auf der anderen Seite Warnungen
gegenüber stehen, die als Konsequenz bis zu einem Einstellen
aller
Nanowissenschaft reichen. Beide Seiten sollen gegeneinander abgewogen
werden, um einen Vorschlag zur Überwindung von Science fiction
einerseits, Kassandrarufen andererseits zu entwickeln.
H. P.
Dienstag,
den 27.
Februar 2007
Prof. Rolf
Wernstedt (Hannover)
Macht
und Ohnmacht der Länderparlamente
Zum
Vortrag:
Die Länder der Bundesrepublik Deutschland
haben
deswegen Staatsqualität, weil sie Parlamente haben. In der
öffentlichen Wahrnehmung und der realen politischen
Auseinandersetzung stehen die Parlamente allerdings nicht im Zentrum
der Aufmerksamkeit, sondern die Ministerpräsidenten und die
Landesregierungen. Das ist im Medienzeitalter ein gravierender Mangel.
Diese Entwicklung ist nicht von ungefähr,
sondern
liegt an einer ungenügenden Finanzordnung und einer
schleichenden Aushöhlung der Kompetenzen der
Länderparlamente. Dies hat sich auch durch die letzte
Föderalismusreform im Kern nicht verändert.
Der Vortrag reflektiert diese Situation aus
rechtlicher und
praktischer Sicht.
R. W.
Der
Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur
Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier
im doc-Format (Copyright beim Autor).
Freitag,
den 24.
November 2006
Prof. Dr. Joachim
Perels (Hannover)
Das
Denken
von Leibniz
und der Widerstand der „Weißen
Rose“ gegen Hitler.
Das Beispiel von Prof. Kurt Huber
Zum
Vortrag:
Ein führendes Mitglied der Gruppe
„Weiße Rose“, die sich Anfang der 40er
Jahre im Kampf gegen die NS-Diktatur gebildet hatte, war Prof. Kurt
Huber. Er lehrte an der Münchner Universität
Philosophie. In dem Vortrag geht es um den Zusammenhang von Hubers
Interpretation der Philosophie von Leibniz und der Teilnahme am
politischen Widerstand gegen Hitler.
J. P.
Donnerstag,
den 19.
Oktober 2006
Dr. Catherina
Wenzel (Berlin)
Liselotte
Richter
(1906-1968). Aus dem Leben und Werk
der ersten deutschen Professorin für Philosophie und
Religionswissenschaft
Zum
Vortrag:
Am 7. Juni diesen Jahres wäre Liselotte
Richter,
Deutschlands erste Philosophie- und Theologieprofessorin, 100 Jahre alt
geworden. Es geht in meinem Vortrag nicht nur darum, an eine
zweifelsohne bedeutende Gestalt aus der Nachkriegsgeschichte der
Berliner Humboldt Universität zu erinnern, sondern auch darum,
Einblick in ihr Œuvre zu geben. Richter hat auf die
unterschiedlichen geistigen Strömungen zwischen 1925 und 1965
sensibel und durchaus anpassungsfähig reagiert.
Geprägt von der Kultur der 20er Jahre hat sie den
Nationalsozialismus und die DDR erlebt. Von 1936 bis 1943 arbeitete
Liselotte Richter für die Preußische Akademie der
Wissenschaften an der Leibniz-Ausgabe, kurz nach dem Krieg hat sie die
kommunistische Utopie entschieden begrüßt. Da seit
Anfang der 50er Jahre für die vor allem am Existentialismus
interessierte Professorin – sie hat eine Reihe von Werken
Kierkegaards, Sartres und Camus’ für den
Rowohltverlag übersetzt und eingeleitet – an einem
marxistischen Institut für Philosophie kein Platz mehr war,
wechselte sie an die theologische Fakultät. Wohnhaft in
Berlins Westen und tätig in Ostberlin wurde sie zur
Grenzgängerin nicht nur zwischen Philosophie und Theologie,
sondern auch zwischen den beiden deutschen Staaten.
C. W.
Donnerstag,
den
22.
Juni 2006
Prof. Dr. Ursula
Goldenbaum (Atlanta)
Leibniz'
Begeisterung über ein unerträglich freches Buch
Spinozas. Anmerkungen gelegentlich eines unentdeckten
Leibnizstücks
Zum
Vortrag:
Lange Zeit wurde angenommen, Leibniz habe Spinoza
erst nach
dem Erscheinen von dessen Ethik
(1678) ernsthaft studiert. Da außerdem lange Zeit angenommen
wurde, dass Leibniz die Eckpunkte seiner Philosophie in
frühester
Jugend (um 1665) entwickelt habe und seine philosophischen Schriften
eine ausgesprochen kontinuierliche Entwicklung aufzeigen
würden,
wurde ein möglicher Einfluss Spinozas auf Leibniz von den
meisten
Leibnizforschern bis vor wenigen Jahren heftig bestritten. Mit dem
Auffinden eines neuen Leibnizstücks ändert sich diese
Sachlage. Ein wichtiger Leibniz-Text der Jahre 1670/71 muss auf diesem
Hintergrund als intensive Auseinandersetzung mit Spinoza gelesen
werden, in deren Ergebnis Leibniz seinen neuen epistemologisch
bedeutsamen Begriff einer klaren, aber verworrenen Idee entwickelt
– die idea
clara confusa.
U. G.
Donnerstag,
den
23.
März 2006
Dr. Alfred
Schröcker (Wunstorf)
„Vielleicht
ein
unergründliches Studieren“. Physiognomik und
Charakterisierung beim jungen Johann Christian Kestner (1741-1800)
Zum
Vortrag:
Johann Christian Kestner (1741-1800) ist bekannt als
Ehemann
der Charlotte Buff und somit auch als der überaus
vernünftige, nüchterne „Albert“
in Goethes Leiden
des jungen Werthers. In freier
Wahl zwischen Goethe und Kestner entschied sich Charlotte 1772/73
für Kestner. Die acht Söhne aus dieser Ehe machten
Karriere als hannöversche Beamte, als Diplomat und
Kunstsammler (August Kestner), als Medizinprofessor oder als
Industrieller.
Im Nachlass Kestner (Stadtarchiv Hannover) sind
trotz starker
Verluste im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Manuskripte des jungen Johann
Christian Kestner erhalten (1760-1767). Sie ergeben ein anschauliches
Bild darüber, wie Anakreontik, Empfindsamkeit und
Aufklärung bei diesem Sohn eines führenden
hannöverschen Verwaltungsbeamten (Johann Hermann Kestner war
Geheimer Sekretär) ankommt (eine Studie über die
jungen Jahre des Johann Christian Kestner ist in Arbeit).
Aus den vielseitigen Interessen Kestners greift der
Vortrag
seine
Ansichten und praktischen Erfahrungen mit der Physiognomik ein
Jahrzehnt vor Lavaters Physiognomischen Fragmenten auf. Im Unterschied
zu Lavater zeigt sich, dass Kestner die Physiognomik empirisch-kritisch
prüft und nicht einfach deren Gültigkeit voraussetzt,
insofern also trotz einiger Unterschiede eher auf der Linie von Georg
Christoph Lichtenbergs Äußerungen im
Physiognomikstreit der
70er Jahre des Jahrhunderts liegt. Kestner und Lichtenberg eint auch
das erkenntnisleitende Interesse, das Wesen des Menschen tiefer zu
erfassen, das bei Lavater vorhanden scheint, aber stark durch seine
religiösen Absichten überlagert wird. Infolgedessen
ist
für Kestner die genaue Beobachtung und Charakterisierung der
Menschen aufs engste mit seiner Kritik an der Physiognomik verbunden.
Im Unterschied zu Lichtenberg und Lavater hat Kestner seine kritischen
Ansichten zwar festgehalten, aber nicht veröffentlicht.
A. S.
Donnerstag,
den
16.
Februar 2006
Prof. Rolf
Wernstedt
(Hannover)
Was
bedeuten unterschiedliche Erinnerungskulturen in Deutschland?
Zum
Vortrag:
Mein Vortrag wird sich damit beschäftigen,
dass die
intensive
Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus, der Flucht und
Vertreibung, der Bombenangriffe, der Zwangsarbeiter, der
Kriegsgefangenschaft und der Soldaten in jeweils getrennten Diskursen
gepflegt wird. Dies erscheint deswegen problematisch, weil die
politische Ursprungs-Verantwortlichkeit für all diese
Vorgänge dieselbe ist. Es ist in Deutschland noch keine Form
gefunden, die unterschiedlichen Opfergruppen gemeinsam zu denken, ohne
die Differenzen und Verantwortlichkeiten zu verwischen.
R. W.
Der
Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur
Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier
im doc-Format (Copyright beim Autor).
Donnerstag,
den
19.
Januar 2006
Prof. Dr. Regine
Kather
(Freiburg im Breisgau)
Wer
ist eine Person?
Über die Bestimmung des menschlichen Lebens
Zum
Vortrag:
Erst mit der Genese der
modernen Naturwissenschaften
wurden,
insoweit stimmen Descartes, Spinoza und Leibniz überein,
körperliche Funktionen unabhängig von geistigen
betrachtet. Damit freilich verändert sich das menschliche
Selbstverständnis. Der Körper, so argumentierte Locke
erstmals, sei nur Gattungsmerkmal, und nur der sich selbst erlebende
Geist ein Merkmal der individuellen Person. Dann freilich sind nicht
alle Menschen Personen. Diese Position wurde bestimmend für
die aktuelle bioethische Debatte. Doch ist die Trennung von
Körper und Geist wirklich angemessen? Ist nicht bereits der
Körper unterbestimmt, wenn man ihn nur als funktionierenden
biologischen Organismus sieht? Und spielt nicht auch die personale
Beziehung zu anderen Menschen eine entscheidende Rolle für die
Entwicklung der eigenen Identität? Lässt sich Leben
überhaupt in einen wertfreien Funktionszusammenhang und den
nach Zielen suchenden menschlichen Geist aufspalten?
R. K.
Donnerstag,
den 1.
Dezember 2005
Prof. Dr. Gábor
Boros
(Budapest)
Aktualität
der
frühneuzeitlichen Theorien der Emotionen
Zum
Vortrag:
Emotionstheorie ist ein
multidisziplinäresForschungsgebiet,
dessen Vertreter – Philosophen, Psychologen,
Neurowissenschaftler
– sich vorzugsweise auf Denker des 17. Jahrhunderts,
insbesondere
Descartes und Spinoza berufen. Was in den Systemen jener Denker es
ermöglicht und vielleicht notwendig macht, sich ihrer heute zu
bedienen, ob Inanspruchnahme wie Kritik prinzipiell berechtigt und die
Möglichkeiten, die eine historische Reflexion auf seinen
Gegenstand dem Forscher bietet, bereits vollständig genutzt
sind,
wird im Vortrag untersucht.
G. B.
Freitag,
den 18.
November 2005
Prof.
Dr. Dr. h. c. mult. Erwin Stein (Hannover)
Neue
Forschungsergebnisse und Nachbauten zu den Leibnizschen Rechenmaschinen
Zum
Vortrag:
Entwurf, Konstruktion und Bau
der Leibnizschen dezimalen Vier-Spezies-Rechenmaschinen – die
4/3/7-stellige erste 1673 in Paris mit Sprossenrädern
für die Zahleneingabe und die 8/8/16-stellige zweite ab 1693
in Hannover mit Staffelwalzen – bedeuteten eine grundlegende
Erweiterung und Neukonzeption der damaligen dezimalen mechanischen
Rechenhilfsmittel. Das komplexe aber systematische, abstrakt-logische
Konzept dieser Maschine hätte kaum aus vorwiegend
handwerklichen Weiterentwicklungen der Maschinen von Wilhelm Schickard
(verschollen seit 1623) und Blaise Pascal (1644) entstehen
können. Die Funktionsweise wird im Vortrag anhand unseres
Neubaus im Maßstab 2:1 und der Großmodelle im
Maßstab 8:1 für die Staffelwalze und die
Zehnerübertragung sowie durch Bilder erläutert.
Vergleiche mit dem ebenfalls vorgestellten authentischen Nachbau der
Leibniz-Maschine von Klaus Badur untermauern das Verständnis.
Von Bedeutung sind die
Konstruktions- und Ausführungsmängel der Leibnizschen
Originalmaschine bezüglich der vollständigen
Zehnerüberträge im gesamten Zahlenbereich, und zwar
die von Nikolaus J. Lehmann (Dresden) in den 80er Jahren entdeckte
Notwendigkeit der von rechts nach links abnehmenden Spreizwinkel
zwischen den Zweihörnern (auf Zwischenwellen der
Staffelwalzen) sowie die von uns entdeckte erforderliche
zusätzliche Drehung der Magna-Rota-Kurbel um ca. 87°
mit anschließender Rückdrehung in unserem Nachbau,
wenn man die Rechenmaschine nach Meyer zur Capellen als
(zwangsläufige) kinematische Kette mit einem Freiheitsgrad, d.
h. ohne Spiel versteht. In der Leibniz-Maschine können diese
Mängel weitgehend durch die geniale Erfindung der
Rastkerbenräder kompensiert werden; diese werden durch
Flankenpressung auf die Rastkerben mittels abgerundeter Biegefedern in
die erforderliche Stellung gedrückt, womit jeweils eine
zusätzliche Drehung von ca. 14° der insgesamt
notwendigen 36° pro Dezimalstelle erzielt wird.
In unserem neuen Nachbau im
Rahmen eines DFG-Projektes von Karl Popp† und Erwin Stein
(Konstruktion von Franz-Otto Kopp und Bau durch das Institut
für Mechanik) wurden alle genannten Mängel
korrigiert, Optimierungen maßgebender Getriebewinkel
durchgeführt, die Herstellungsgenauigkeit wesentlich
verbessert und eine Reihe von Sicherungselementen zur Vermeidung
missbräuchlicher Bedienung eingebaut. Als Ergebnis unserer
Forschung kann festgestellt werden, dass die 8/8/16-stellige
Leibniz-Maschine mit den Korrekturen von Lehmann und uns im gesamten
verfügbaren Zahlenbereich richtig rechnet, dass aber auch der
„Trick“ einer weiteren Umdrehung der
Magna-Rota-Kurbel nach Auf-Null-Stellung der Eingabezahlen zur
vollständigen Zehnerübertragung führt.
Weiterhin werden die
Neukonstruktion und der Neubau der von
Leibniz
1679 beschriebenen dualen Rechenmaschine für Additionen und
Multiplikationen, der Machina arithmeticae dyadicae, mit ihren
Funktionsweisen vorgestellt. Gegenüber dem nicht
zuverlässig
funktionsfähigen Erstbau von 1971 durch das Deutsche Museum
München nach dem Entwurf von Ludolf von Mackensen sind im
Neubau
die Zweierüberträge der ablaufenden Kugeln mit Hilfe
von
winkelförmigen (mit Spiralfedern
rückgeführten)
Fangearmen verwirklicht; die Federn und erforderlichen
Anschläge
sind jeweils auf einer Welle unter der Rechenplatine angeordnet. Diese
binäre Maschine wurde vom Vortragenden konzipiert und von
Gerhard
Weber 2004 (mit Beiträgen von Franz-Otto Kopp und dem
Vortragenden) konstruiert und weitgehend aus Acryl gebaut, und zwar als
geschlossenes System. Sie rechnet richtig und robust im gesamten
7/5/12-stelligen binären Zahlenbereich und trägt
– wie
die neue Vier-Spezies-Rechenmaschine – unserem Anspruch an
die
gesamte Leibniz-Ausstellung Rechnung: „Leibniz zum Anfassen
und
Verstehen“.
E. S.
Donnerstag,
den 3.
November 2005
Dr. Thomas
Wallnig
(Wien)
„...
nicht so ketzerisch, wie Du
denkst ...“. Johann Georg Eckhart und die protestantische
Gelehrtenwelt im Dialog mit einem österreichischen Benediktiner
Zum
Vortrag:
Der Vortrag befasst sich mit dem Briefwechsel
zwischen Johann
Georg
(von) Eckhart, dem Sekretär und Nachfolger Leibniz' als
Welfischer
Haushistoriograph, und Bernhard Pez, Benediktiner und
Geschichtsforscher in Melk. Der Briefwechsel dauerte von 1717, also ein
Jahr nach Leibniz' Tod, bis zum Jahr 1728, als Eckhart bereits
konvertiert war und im Dienste des Würzburger
Fürstbischofs
stand. Die 33 Briefe bieten einen interessanten Einblick in das
Verhältnis zwischen zwei Forschern, zugleich aber auch
zwischen
zwei Wissenschaftssphären in einer vorwiegend irenistisch
geprägten Phase der konfessionellen Auseinandersetzung. Hier
möchte der Vortrag ansetzen und, ausgehend von einer
Vorstellung
der beiden Korrespondenzpartner und ihrer brieflichen Netzwerke, einige
allgemeine Beobachtungen zur Begegnung von protestantischer und
katholischer Gelehrsamkeit im frühen 18. Jahrhundert ins
Blickfeld
rücken. In diesem Zusammenhang drängt sich
schließlich
die Frage auf, welche Rolle Leibniz im Austausch zwischen Eckhart und
Pez spielte – oder eben nicht spielte.
T. W.
Donnerstag,
den 29.
September 2005
Prof.
Dr. Jürgen
Voss
(Mannheim)
Liselotte von der Pfalz
(1652-1722).
Zeitgenössin und Korrespondentin von Leibniz
Zum
Vortrag:
Liselotte von der Pfalz, die Herzogin von
Orléans,
wie sie
seit
ihrer Heirat 1671 hieß, hat sich durch ihre
großartige
Korrespondenz einen Namen gemacht. Der Vortrag behandelt, welche Rolle
dabei Hannover und Leibniz einnehmen und analysiert, welche Bereiche in
ihrer Korrespondenz für uns heute besonders interessant sind:
Porträts von Zeitgenossen, Charakterisierung von
Ländern und
Völkern, Sprache und Kultur, Medizin und Naturwissenschaften,
Alltagsgeschichte sowie Religion und Konfessionen.
J. V.
Mittwoch,
den 13.
Juli
2005
Prof.
Dr.
Gideon Freudenthal
(Tel Aviv)
Definition
und Konstruktion.
Salomon Maimons Kritik an Kant:
Es gibt gar keine synthetischen Urteile a priori
Zum
Vortrag:
Kant hielt Maimon für seinen besten
Kritiker, Fichte
bezeugte
seine „grenzenlose“ Verehrung für ihn und
meinte sogar, dass durch Maimon die Kantische Kritik
„völlig umgestoßen wird. Das alles hat er
getan, ohne dass es jemand merkte“. Damit hat er bereits auf
die Verkennung Maimons hingewiesen.
Kant behauptete bekanntlich,
dass die philosophische Erkenntnis
Vernunfterkenntnis aus Begriffen sei, wohingegen mathematische
Erkenntnis aus der Konstruktion der Begriffe in der Anschauung gewonnen
werde (KrV B 741). Deswegen gehe Mathematik den „sicheren
Weg“ der Wissenschaft und bringe synthetische Sätze
a priori hervor, während Philosophie im Dunklen herumtappe.
Was heisst es aber, einen Begriff in der Anschauung zu konstruieren?
Salomon Maimon (1753-1800)
argumentierte, dass, um einen Begriff zu
konstruieren, wir eine Definition desselben und eine Konstruktionsregel
brauchen. Für die beiden grundlegenden Elemente der Geometrie,
für die gerade Linie und den Zirkel, haben wir jedoch entweder
gar keine Definition oder keine Konstruktionsregel, die mit dem Begriff
übereinstimmt. Darin zeige sich, dass Verstand und Anschauung
nicht miteinander vermittelt werden können, und damit sei der
Kantischen Philosophie die Basis entzogen. Maimon selbst geht daher auf
Leibniz einerseits, auf Hume andererseits zurück.
G. F.
Donnerstag,
den 30. Juni 2005
Prof. Dr. Detlef Horster (Hannover)
Werteverlust und Werteverfall
– was sind die Gründe?
Zum
Vortrag:
Derzeit wird in aller Breite diskutiert, ob wir von
einem
„Werteverfall“ bedroht sind. Benedikt XVI. warnt
seit seiner Wahl zum Papst in all seinen Ansprachen und Predigten vor
den Folgen der Relativierung von Werten und mahnt die Christen, das
eigene Erbe kraftvoll und rein zu leben. Der Vortragende
erörtert die Gründe für die Klage
über den Werteverfall und fragt, ob es nicht doch objektive
moralische Werte gibt.
D. H.
Der
Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur
Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier
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Donnerstag,
den 19. Mai 2005
Prof. Dr. Steffen Dietzsch (Berlin)
Karl Rosenkranz und die
Entdeckung des Deutschen Idealismus
Zum
Vortrag:
Karl Rosenkranz (1805-1879), Ordinarius für
Philosophie in
Königsberg seit 1833, dokumentierte als einer der ersten
philosophischen Historiographen Aufstieg und Geltung des Deutschen
Idealismus. So versteht und gestaltet Rosenkranz mit seiner ersten
umfassenden Kant-Edition (1838-1842), seinen Hegel-Studien (1844, 1852,
1868, 1870), seinen Vorlesungen zur Philosophie Schellings (1842) und
zu Goethe (1847, 1856) die deutsche litararisch-philosophische Kultur
zwischen 1770 und 1830 als eine autonome, normgebende und
freiheitverbürgende Bewegung der Einen
Vernunft selber.
Aus der Gelehrtenrepublik
Königsberg nimmt – nach
Kant – durch Rosenkranz erneut ein Gründungs- und
Konstitutionsdiskurs der Philosophie seinen Weg in die geistige Welt.
Wir erinnern damit an ein
Doppeljubiläum: 2005 feiern wir den
750. Jahrestag der Gründung der Stadt Königsberg und
den 200. Geburtstag von Karl Rosenkranz.
S. D.
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Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur
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Donnerstag,
den 17. März 2005
Prof. Dr. Dr. h. c. Günther Patzig (Göttingen)
Wie geht man mit bioethischen
Grundkonflikten um?
Zum
Vortrag:
Nach einem Rückblick auf die bisherige
Diskussion in
Deutschland,
besonders zu Fragen des Paternalismus, der Sterbehilfe, der
Hirntoddefinition, der Transplantationsmedizin, der
Präimplantations-Diagnostik werden besonders die Argumente Pro
und
Contra hinsichtlich des Klonens zu Forschungszwecken einerseits und des
Klonens zu Fortpflanzungszwecken andererseits behandelt. Dabei spielen
die SKIP-Argumente für das Recht auf Leben und
Menschenwürde
schon der Zygote und von Embryonen vom Augenblick der Befruchtung an
eine wichtige Rolle. Nach kritischer Prüfung der Stringenz
dieser
Argumente wird eine größere Liberalität
besonders
hinsichtlich der strafrechtlichen Behandlung solcher Probleme empfohlen.
G. P.
Donnerstag,
den 10. März 2005
Dr. Ralf Nielbock (Osterode am Harz)
Die
Einhornhöhle – Friedhof des Eiszeitalters
Zum
Vortrag:
Abriss der Geschichte der
Höhle, des gegrabenen Einhorns, der
Höhlenbären und der Neandertaler: Von Cäsar
über
Leibniz, Goethe, Virchow, von Alten und Löns zum Landesmuseum
Hannover (Grabung Jacob-Friesen 1925/26, Grabung Veil/Nielbock 1985-88)
mit Bezug auf die Vorstellungen über „alte
Knochen“ im
16./17. Jahrhundert und hin zu den Anfängen der wissenschaftl.
Grabungen ab Beginn 19. Jh; über die neuen
Aktivitäten ab
2001, Gründung des Vereins Ges. Unicornu fossile e. V. 2002
und
Vorschau auf neue Projekte. Zudem: Die heutige Bedeutung der
Höhle
für Niedersachsen und für die Menschheitserforschung.
R.
N.
Dienstag,
den 22. Februar 2005
Prof.
Dr. Dr. Norbert Hoerster (Mainz)
Rechtsethische
Überlegungen zur aktiven Sterbehilfe
Zum
Vortrag:
Ziel des Referates ist es,
Argumente vorzustellen, die das derzeit
in
Deutschland geltende, bedingungslose strafrechtliche Verbot der aktiven
Sterbehilfe als fragwürdig erscheinen lassen.
(1) Ein strafrechtliches Verbot
läßt sich in einer
weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft nur insoweit
begründen, als es ein eindeutiges Interesse der betroffenen
Individuen schützt.
(2) Diese Bedingung ist
erfüllt im Fall der beliebigen
„Tötung auf Verlangen“: Das Individuum hat
durchaus ein Interesse daran, vor einer solchen Preisgabe des eigenen
Lebens geschützt zu werden, die lediglich einer
vorübergehenden Laune oder Depression entspringt und deshalb
bei langfristiger Betrachtung von seinem eigenen Standpunkt aus als
irrational erscheinen muss.
(3) Die typische Situation der
Sterbehilfe ist eine andere. Hier
befindet sich das Individuum, das seine Tötung
wünscht, in einem schweren und irreversiblen Leidenszustand.
Der ärztliche Experte, der einen solchen Zustand festgestellt
und zudem sichergestellt hat, dass der Wunsch seines Patienten auf eine
freie und reifliche Überlegung zurückgeht, verletzt
durch eine Sterbehilfe das wohlverstandene Interesse des Patienten
nicht, sondern dient ihm.
(4) Die Behauptung, dass jede
Freigabe aktiver Sterbehilfe zu einem
„Dammbruch“ im allgemeinen Lebensschutz
führen wird, ist nicht belegbar. Vieles spricht
dafür, dass die Dunkelziffer der zu Recht strafbaren
Tötungen unter Bedingungen eines rigorosen Verbots jeder
aktiven Sterbehilfe keineswegs geringer ist als unter Bedingungen einer
eng begrenzten Zulassung.
(5) Angesichts der in unserem
Staat inzwischen weitgehend geduldeten
Formen der passiven Sterbehilfe, der indirekten Sterbehilfe und der
Beihilfe zur Selbsttötung erscheint die gegenwärtige
Rechtslage mit ihrem Verbot der aktiven Sterbehilfe als ein
halbherziger Kompromiss.
N.
H.
Donnerstag,
den 27. Januar 2005
Prof.
Dr. Heinrich Schepers (Münster)
Wurzeln und Austriebe des
metaphysischen Rationalismus bei Leibniz
Zum
Vortrag:
Um Leibniz’
Rationalismus zu verstehen, genügt es nicht, ihn in Opposition
zu Lockes Empirismus zu setzen. Es sind vielmehr die
grundsätzlichen Annahmen und seine Modallogik, auf die schon
der frühe Leibniz seine rationalistische Metaphysik
gründet; Annahmen, die leicht zu begreifen sind, aber Leibniz
zu hypertrophen, trotz ihrer Rationalität schwer
nachvollziehbaren Konsequenzen zwangen. Wie etwa zu der These, dass es
in Wirklichkeit nichts als Monaden gibt, von denen jede auf ihre Weise
die ganze Welt spiegelt, anders gesagt, die ganze Welt anteilig in
Freiheit erzeugt. Die Anerkennung eingeborener Ideen ist eine
natürliche Folge seines, wie ich es nennen möchte,
konstitutiven Konzeptualismus, demzufolge sie die Disposition des
menschlichen Verstandes ausmachen.
H. S.
Donnerstag,
den 20. Januar 2005
PD
Dr. Christian Illies (Eindhoven)
Der unverdrängte Tod
Zum
Vortrag:
In seiner großen
Studie zum geschichtlichen Wandel des
Todesverständnisses charakterisiert Philipp Ariès
die Gegenwart als eine Zeit der Verdrängung; der Tod werde
tabuisiert. Doch das scheint sich gewandelt zu haben: Nach neuesten
Erhebungen hat ein durchschnittlicher 14jähriger Junge in
Deutschland in seinem Leben etwa 15.000 Tote und Morde in Filmen und
Computerspielen erlebt. Der Vortrag deutet diese Entwicklung aus
philosophischer Sicht, indem er sowohl die Verdrängung als
auch die jüngste mediale Wiederkehr des Todes in einen
Zusammenhang mit dem menschlichen Selbstverständnis stellt.
Für
den Menschen der Moderne, der sich als alles gestaltender Homo faber
sieht, musste der Tod das unbeherrschbare und daher
unerträgliche Skandalon sein. Der mediale Tod ist aber in
einem ganz anderen Sinne
verfügbar – und wird so wieder erträglich.
C. I.
Der
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Freitag,
den
12. November 2004
Prof.
Dr. Dr. Franz Schupp (Freiburg/Br.)
Al-Farabi/Gerhard
von Cremona:
De scientiis, eine Enzyklopädie der Wissenschaften aus dem
10./12.
Jahrhundert
Zum
Vortrag:
„Enzyklopädie”
ist hier in einem Sinn zu verstehen,
der auch bei
Leibniz vorkommt: Ein Überblick über die
verschiedenen
Wissensgebiete,
ihr Zusammenhang sowie Studien- und Forschungsstrategien, die sich
daraus ergeben.
Eine solche
Enzyklopädie wurde im Bereich der islamischen
Kultur
erstmals von al-Farabi (um 890-950) unter dem Titel „Ihsa'
al-'Ulum”
verfasst. Diese Enzyklopädie wurde von Gerhard von Cremona (um
1114-1187) in Toledo unter dem Titel „De scientiis”
übersetzt. Eine
verkürzte Version dieses Textes erstellte Dominicus
Gundissalinus
(um
1110 – nach 1181). Letztere war im lateinischen Mittelalter
besser
bekannt als erstere und hatte auch einen ziemlich großen
Einfluß, z. B.
auf Roger Bacon (um 1215-1292). Im Vortrag soll aber Gerhard von
Cremonas Gesamtübersetzung von „De
scientiis”
behandelt werden, und es
soll auch weniger auf deren Fortwirken im lateinischen Bereich,
stärker
hingegen auf ihre Bedeutung im Kontext der islamischen Kultur des 10.
Jahrhunderts eingegangen werden.
F. S.
Der
Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur
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Mittwoch,
den 20. Oktober
2004
Prof. Dr. Kiyoshi Sakai (Tokyo):
Gottfried Wilhelm Leibniz und
Kitaro Nishida. Die Frage nach dem wahren Selbst
Zum
Vortrag:
Kitaro Nishida (1870-1945)
gehört zweifelsohne zu den originellsten Philosophen des
modernen Japan. Auf der Folie des Zen-Buddhismus widmete er sein ganzes
Leben der Philosophie im allgemeinen und insbesondere dem Versuch,
westliche und östliche Philosophien zu vereinen. Zudem hat er
sich immer wieder unablässig interessiert und mit
großem Engagement leibnizschen Gedanken zugewandt, um im
Anschluss seine eigene Position zu präzisieren. Nishida war in
Japan wohl der erste, der die individualistische Komponente der Monadologie
und deren eigentümliche Tragweite hervorgehoben hat.
Wir wollen heute aber eine
andere Perspektive der Thematik Leibniz
und Nishida erörtern: Die
Frage nach dem wahren Selbst,
die jeder von uns sich für sich selbst ja stellen kann. Das
Selbst zu erfahren heißt für Nishida, das Selbst in
der Welt zu erleben, in der es existiert, während Leibniz es
im Grunde als Individuum, Ich und Substanz-Monade auffasst. Was dann
den Begriff der expressio
multorum in uno betrifft (jedes
Selbst ist zugleich ein lebendiger Spiegel des gesamten Universums), so
geht es beiden Denkern um die Frage nach dem Selbst, wenngleich die
Ausgangspunkte jeweils sehr verschieden sind.
K. S.
Donnerstag,
den 14. Oktober
2004
Dr. Cornelia Buschmann (Potsdam):
Christian Wolffs
Beiträge zu einem aufgeklärten Wissenschaftsbegriff
Zum
Vortrag:
Die Forschungsgeschichte der
Philosophie Christian Wolffs (1679-1754) steht in einem besonders engen
Verhältnis zur Geschichte der Aufklärungsforschung.
Während etwa Kant, Popularphilosophen wie Garve und
Mendelssohn oder auch einzelne literarische Autoren im Grenzbereich
philosophischer Publizistik des 18. Jahrhunderts als Protagonisten
einer (auch) philosophischen Aufklärung längerfristig
forschende Aufmerksamkeit gefunden haben, stand Wolff lange unter einem
Verdikt metaphysischer Überanstrengung und Langeweile. Zum
Beleg wurde neben Breite und Struktur seines Oeuvres gerne das
vermeintliche Fehlen zeittypisch essayistischer und
kulturkritisch-polemischer Textsorten herangezogen, daneben aber auch
eine – mindestens im Vergleich zu den großen
Systemen des 17. Jahrhunderts – unvollkommene Tiefe in der
Handhabung des Repertoirs der klassischen Metaphysik beklagt. Zumal die
an Kant geschulte, primär erkenntnistheoretisch und
erkenntniskritisch orientierte Philosophiegeschichtsschreibung des 19.
Jahrhunderts sparte in der Veranschaulichung der kopernikanischen
Wende nicht mit Zuschreibungen
des Dogmatismus und trug so zu dem allgemeinen Bild eines
philosophischen Irrwegs bei, für das das Verdikt des
Dogmatismus schnell seine Kantsche begriffliche Einbindung verlor und
nurmehr als Synonym einer aufklärungsfremden Abgelebtheit
erscheinen mochte.
Vor diesem Hintergrund ist die
Geschichte der Wiederentdeckung Wolffs als Aufklärer eng mit
einem Konzeptwechsel der philosophischen Forschung verbunden und kann
als Indikator einer Konzeptgeschichte der Aufklärungsforschung
gelten. Das erwachende Interesse an Wolff als Aufklärer hatte
vor allem ein gewichtiges Argument für sich: Das einer breiten
und in sich differenzierten Rezeptionsgeschichte über
wenigstens drei Generationen im 18. Jahrhundert selbst. Um dieses
Argument zum Ausgangspunkt eines neuen Forschungszugangs werden zu
lassen, bedurfte es der zunächst keineswegs
selbstverständlichen, zumindest iterativen Anerkennung
rezeptionsgeschichtlicher Forschung als philosophischer Forschung
über die Rekonstruktion je individueller Textgenese hinaus.
Nur unter dieser Voraussetzung war die Breite des Wandels in Methode
und Stil philosophischer Textproduktion und nachfolgend
fachdisziplinärer wie allgemein-gebildeter
Argumentationsformen als philosophisches, nicht lediglich
soziologisches Phänomen thematisierbar. Dem trat ein
wachsendes Interesse an Fragestellungen der praktischen Philosophie,
der Ethik, der politischen und ökonomischen Theorie an die
Seite, in dessen Fokus Christian Wolff – zunächst
überraschend – als exponierter Akteur wie Zeitzeuge
aufklärerischer Transformation in Theorie und Praxis erschien.
Vor diesem Hintergrund
untersucht der Vortrag, welche Veränderungen im
Wissenschaftsbegriff des 18. Jahrhunderts von Christian Wolff angeregt
wurden. Neben Aspekten der Erschließung neuer
Gegenstandsbereiche und methodischen Impulsen gilt die Aufmerksamkeit
Wolffs Konzept eines aufgeklärten Selbstbewußtseins,
das Wissenschaft und theoriegeleitetes Handeln ermöglichen
soll.
C. B.
Donnerstag,
den 23.
September 2004
PD Dr. Peter Nickl (Hannover):
Facetten der Freiheit
Zum
Vortrag:
Von der Freiheit zu reden ist
notwendig, weil sie bedroht ist: Einerseits durch die
einschläfernde Vorstellung, als Mitglieder einer freien
Gesellschaft seien wir automatisch schon frei – andererseits
durch die Vorstöße der Neurowissenschaft, die uns
glauben machen wollen, wir seien nur Marionetten unserer
Gehirnströme. Wirklich angemessen lässt sich von der
Freiheit aber nur sprechen, wenn man die Alternative
„Freiheit oder Determinismus“ überwindet
zugunsten einer differenzierten Betrachtung, die Grade von Freiheit
(bzw. Unfreiheit) unterscheidet. Denn niemand wird behaupten wollen,
dass er mit der gleichen Notwendigkeit isst, mit der er verdaut
(Fichte). Der Vortrag wird zu eruieren suchen, wodurch sich freie Akte
auszeichnen, inwiefern sie in unserer Macht stehen und warum gutes
Handeln mehr Freiheit verwirklicht als böses.
P. N.
Donnerstag,
den 9. September
2004
Prof. Dr. Gerhard Kruip (Hannover):
Transnationale Gerechtigkeit im
Spannungsfeld partikularer Kulturen, universalistischer
Ansprüche und institutioneller Defizite
Zum
Vortrag:
Je mehr sich
Öffentlichkeit, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft
globalisieren, um so mehr entstehen weltweite Gerechtigkeitsprobleme,
die bisher gängige Gerechtigkeitsvorstellungen herausfordern.
So bedarf es einer stärkeren interkulturellen
Verständigung, um Gerechtigkeitsprinzipien zu entwickeln und
zu begründen, die es rechtfertigen können,
internationale Institutionen aufzubauen, die die
zurückgehenden Möglichkeiten der Nationalstaaten,
für Gerechtigkeit zu sorgen, ergänzen. Welche Chancen
und welche Ressourcen gibt es für einen solchen globalen
Gerechtigkeitsdiskurs, und auf welche Ergebnisse könnte er
hinauslaufen?
G. K.
Donnerstag,
den 24. Juni 2004
Prof. Dr. Steffen Dietzsch (Berlin):
Der Streit der
Fakultäten als Text und in Königsberg. Kants Theorie
und Praxis der Universität
Zum
Vortrag:
Kants Spätwerk Der
Streit der Fakultäten
– gewissermaßen ein philosophisches Testament am
Ende der Aufklärung – wird in doppelter Perspektive
analysiert: Einmal vor dem Hintergrund langer praktischer Erfahrung
Kants als Lehrer an einer preußischen Universität
und zum anderen als universitätskritische Idee, die
herkömmliche Fakultätsordnung neu in einer mobilen
Konstellation von Vernunft und
Verstand zu begreifen bzw. zu
verändern.
S. D.
Der
Referent hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur
Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier
im doc-Format (Copyright beim Autor).
Donnerstag,
den 6. Mai 2004
Prof. Dr. Wilhelm Schmidt-Biggemann (Berlin):
Geschichte der Christlichen
Kabbala in der Frühen Neuzeit
Zum
Vortrag:
In der Frühen Neuzeit
gab es eine ausgearbeitete und sehr einflußreiche Christliche
Kabbala, die christlich-theologische Spekulation, jüdische
mystisch-exegetische Traditionen und qualitative Zahlentheorien
miteinander verband. Das Ziel dieser Lehre war, jüdische und
christliche Theologie mit einer Philosophie, die auf der Bibel beruhte,
gemeinsam zu begründen. Die wichtigsten Vertreter dieser Lehre
waren Nikolaus von Kues, Giovanni Pico della Mirandola, Johannes
Reuchlin, Robert Fludd, Athanasius Kircher. Der Vortrag wird versuchen,
einige Grundmuster der Christlichen Kabbala vorzustellen.
W. S.-B.
Donnerstag,
den 29. April
2004
Dr. Heinz-Jürgen Heß (Hannover):
Leibniz auf dem
Höhepunkt seines mathematischen Ruhms
Zum
Vortrag:
Der Beitrag behandelt das
Jahrzehnt von Leibniz' Rückkehr aus Italien 1690 bis zum
öffentlichen Ausbruch des Prioritätsstreits durch
Fatios Plagiatsunterstellung in dessen Schrift Lineae
brevissimi descensus investigatio geometrica
von 1699. Sowohl die Vorgeschichte, d. i. die Erfindung der
Differential- und Integralrechnung und deren ausbleibende
öffentliche Resonanz als auch das Nachspiel, nämlich
der Streit zwischen den kontinentalen und englischen Mathematikern um
Priorität und Abhängigkeit der beiden
großen Methoden der modernen Analysis, ist in der Literatur
ausführlich dokumentiert.
Es soll hier aufgezeigt werden,
wie Breitenwirkung und Leistungsfähigkeit der
Infinitesimalrechnung im Berichtszeitraum ausgebaut wurden, wie die
Mitverfechter des leibnizschen Calculus das Geschehen zunehmend
bestimmten und wie dennoch Leibniz als der ideenreiche Nestor der neuen
mathematischen Methode hoch verehrt und geschätzt wurde.
Bei diesen Erfolgen auf dem
Kontinent konnte es nicht ausbleiben, dass sich die englischen
Mathematiker genötigt sahen, auf die Priorität der
newtonschen Fluxionsrechnung und auf eine vermutete
Abhängigkeit des leibnizschen Calculus hinzuweisen. Leibniz
und Newton waren im Berichtszeitraum noch bemüht, eine
große öffentliche Auseinandersetzung zu vermeiden.
Bald darauf mussten die Protagonisten jedoch erkennen, dass sie Opfer
gesellschaftlicher bzw. wissenschaftspolitischer Zwänge
geworden waren. Die folgenden Unterstellungen und gegenseitigen
Beschuldigungen sollten dem öffentlichen Ansehen Leibnizens
mehr schaden als dem Newtons.
H.-J. H.
Donnerstag,
den 1. April 2004
Dr. Günter Arnold (Weimar):
„... der
größte Mann, den Deutschland in den neueren Zeiten
gehabt“ – Herders Verhältnis zu Leibniz
Zum
Vortrag:
Herder ist als ein
außerordentlich vielseitiger, anregender Schriftsteller in
die Literaturgeschichte eingegangen. Weniger geschätzt wird er
in der Geschichte der Philosophie – als Epigone und
Popularphilosoph bzw. als philosophischer Dilettant, der wegen seiner
alternativen Position zur Transzendentalphilosophie Kants in der
Philosophiegeschichte in Mißkredit geraten ist. Aufgrund der
neuesten Editionen, insbesondere des
„Ideen“-Kommentars von Wolfgang Proß,
zeichnet sich die Notwendigkeit ab, über eine neue
Positionierung Herders in der Philosophiegeschichte nachzudenken, die
seinen wissenschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen geschuldet ist. Das
betrifft auch die eigenständige Verarbeitung der von ihm
aufgenommenen philosophischen Einflüsse. In Philosophie- wie
Literaturgeschichte gilt allgemein Spinoza als Herders
Favoritphilosoph. Bei genauerer Betrachtung sind die philosophischen
Gesetze der Spinoza-Schrift Gott
(1787) Leibnizsche Theoreme, die fast wörtlich schon in
Herders Rigaer Predigten vorkommen, während seine intensiven
Spinoza-Studien erst ab 1774 nachzuweisen sind. In dem Vortrag soll
versucht werden, Herders Leibniz-Studien und ihren Ertrag für
sein Gesamtschaffen an ausgewählten Beispielen zu
charakterisieren. Herders sogenannter „Spinozismus“
gründet sich tendenziell auf eine
„Leibnizianisierung“ Spinozas.
G. A.
Donnerstag,
den 18.
März 2004
Dr. Jens Häseler (Potsdam):
Das Verschwinden einer
europäischen Illusion? Zu Kraft und Veränderung der
République des lettres im 18. Jahrhundert
Zum
Vortrag:
Die
République des lettres wird gemeinhin als Idee eines
über den politischen und konfessionellen Konflikten stehenden,
vereinten geistigen Europa verstanden. Ist es gerechtfertigt, auch nach
Leibniz und Bayle von einer europäischen République
des lettres zu sprechen und wenn ja, wie läßt sie
sich in ihrem Traditions- und Gegenwartsbezug bestimmen? Was haben die
République des lettres und die Aufklärung
gemeinsam? Das sind Fragen, denen der Vortrag anhand von typischen
Publikationen (Zeitschriften und Lexika) sowie kritischen Reflexionen
der Zeitgenossen nachgehen wird. Unter diesen Zeitgenossen erscheinen
– wohl auch wegen des nunmehr das Latein als lingua franca
ablösenden Französisch – eine Vielzahl von
französischen Protestanten als Autoren, Verleger,
Übersetzer und eifrige Briefschreiber in der Tradition der
Humanisten.
J. H.
Donnerstag,
den 15. Januar
2004
PD Dr. Thomas Fuchs (Hannover):
Grandeur, Gloire und Kritik.
Zum Verhältnis von Politik und Geschichtsschreibung im 17.
Jahrhundert. Ein Vergleich zwischen den Höfen in Hannover und
Kassel
Zum
Vortrag:
Geschichtsschreibung
bildete in der frühen Neuzeit einen wichtigen Bestandteil der
politischen Kommunikation. Eine Ursache hierfür liegt in der
Traditionsorientierung der Gesellschaft und des politischen Systems im
dynastischen Gedanken. Geschichte legitimierte neben der Macht das
Recht; Geschichte, hohes Alter und Abstammung legitimierten Herrschaft.
Mit der Reformation wurden neue
Geschichtsbilder und neue Legitimitätshorizonte auf
historischer Basis entworfen. Diese Geschichtsbilder wurden wesentlich
von der protestantischen Geschichtstheologie in Anlehnung an
Melanchthon geprägt. Auf der materiellen Ebene wirkte der
Territorialstaat massiv auf die Produktion von Geschichte ein. Mit der
zunehmenden Verdichtung des dynastischen Staates und den strukturell
seit dem späten 16. Jahrhundert einsetzenden
historiographieinternen Veränderungsprozessen kam es seit dem
17. Jahrhundert zu einer zunehmenden Säkularisierung der
territorialstaatlichen Geschichtsprogramme. In den zunehmend
verrechtlichten ‚staatlichen’ Beziehungen im Reich
wurde Geschichtsschreibung zur Durchsetzung dynastischer Interessen
immer wichtiger, ebenso wie zur Begründung von
Standeserhöhungen, der Verleihung von Privilegien sowie der
Durchsetzung von Erbansprüchen. In der Ideologie des
dynastischen Fürstenstaates wurden die religiösen
Herrschaftsbegründungen durch historische Argumente
ergänzt.
Der Vortrag thematisiert in
vergleichender Perspektive die wichtigsten Gründe für
den Aufstieg der Geschichtsforschung im fürstlichen
Territorialstaat.
T. F.
Montag,
den
8. Dezember 2003
Dr. Heinz-Jürgen Heß / Dr. James G. O'Hara / Dr.
Siegmund Probst (Hannover):
Zwei neue Bände der
Leibniz-Ausgabe
Zum
Vortrag:
Die beiden in
diesem Jahr erschienenen neuen Bände der Leibniz-Gesamtausgabe
werden vorgestellt. Der Vortrag wendet sich an alle
Leibniz-Interessierten und setzt keine speziellen Fachkenntnisse voraus.
Im ersten Teil des Vortrags
wird eine besonders produktive Phase (1690-1693) in Leibniz'
mathematischer Tätigkeit im Spiegel seiner Korrespondenz
dargestellt. Im öffentlich ausgetragenen Wettstreiten der
europäischen Mathematiker geht es um die Lösung
dreier berühmter Probleme, die von Jacob Bernoulli, Vincenzo
Viviani und Johann Bernoulli gestellt und außer von Leibniz
nur von wenigen Mathematikern gelöst werden können.
Der zweite Teil des Vortrags
wendet sich medizinischen und technischen Themen aus Leibniz'
Korrespondenz zu. In Leibniz' Korrespondenz mit Ramazzini, dem Vater
der Arbeitsmedizin, werden Überlegungen zu Malaria- und
Typhusepidemien erörtert und ein Zusammenhang mit der
Missbildung und Sterblichkeit von Säuglingen vermutet. Auf dem
Gebiet der Technik wird Leibniz durch einen Korrespondenten aus Kassel
über Versuche mit einem Tauchschiff informiert. Die Technik
des Tauchvorganges entsprach im wesentlichen der U-Boottechnik des 20.
Jahrhunderts.
Der dritte Teil des Vortrags
wendet sich am Beispiel der mathematischen Schriften (aus den Jahren
1672-1676) einzelnen Arbeitsschritten der Edition zu. Mitunter
müssen von Leibniz zerschnittene und im Nachlass verstreut
aufbewahrte Papierstücke zusammengefügt werden. Die
Datierung der Texte kann manchmal nur mit Hilfe von Untersuchungen des
Papiers (z. B. auf Wasserzeichen) durchgeführt werden. Zuletzt
muss der von Leibniz oft mit eigenwilligen und spontan erfundenen
Symbolen oder graphischen Besonderheiten gestaltete Text in das Layout
einer Druckausgabe übergeführt werden.
H.-J. H. /
J. G. O'H. / S. P.
Mittwoch,
den 12. November
2003
Prof. Dr. Hans Poser (Berlin):
Harmonie im Spannungsfeld von
Prigogine und Leibniz
Zum
Vortrag:
Prigogine, der
hier für alle Vertreter von Selbstorganisationstheorien steht,
weitet seine in der physikalischen Chemie gewonnenen Resultate
thesenhaft nicht nur auf biotische, sondern auch auf soziale Systeme
aus. Gewiss ist das ein geeignetes Beschreibungsmodell, doch dass
Harmonie durch Selbstorganisation zu verwirklichen wäre, ist
ein Trugschluss. So lohnt sich ein Blick zurück auf Leibniz,
dessen ganzes Denken von der Vorstellung einer universellen Harmonie
geleitet ist. Dabei soll es nicht um die prästabilierte
Harmonie gehen, sondern um unsere Verpflichtung zur
Vergrößerung der Harmonie in unserem Handeln
– ein Prinzip, das als Prinzip des Zusammenstimmens bei Wolff
zentral werden sollte.
H. P.
Dienstag,
den 14. Oktober
2003
Prof. Dr. Oskar Negt (Hannover):
Arbeit und menschliche
Würde
Zum
Vortrag:
Es geht um die
Bedeutung von Arbeit für die Identitätsbildung der
Menschen und für die Entwicklung einer gesellschaftlichen
Realität, die einem Prozess der Selbstzerrissenheit
unterliegt. Ich will die Probleme der Arbeitsgesellschaft in einem
kulturellen Zusammenhang erörtern, der die
Neubegründung von Verantwortungsethik einbezieht.
O. N.
Donnerstag,
den 17. Juli 2003
Prof. Dr. Dr. h. c. Konrad Cramer (Göttingen):
Schleiermacher, Jacobi, Goethe
und Spinoza
Zum
Vortrag:
Der Vortrag
beschäftigt sich in systematischer Perspektive mit der
Rezeption der Philosophie Spinozas unter dem Titel Philosophie
der All-Einheit in der
klassischen Periode der deutschen Literatur (Lessing und Goethe) und
der an einer Kritik an der kantischen Philosophie orientierten
Philosophie an der Wende zum 19. Jahrhundert (Schleiermacher und
Jacobi). Dies geschieht im Ausgang von Schleiermachers
berühmter Bezugnahme auf Spinoza in den Reden
über die Religion an die Gebildeten unter ihren
Verächtern und soll
einer Entscheidung über die Triftigkeit der Interpretation von
Spinozas Ontologie als Pantheismus
den Weg weisen.
K. C.
Donnerstag,
den 26. Juni 2003
Prof. Dr. Dirk Hoeges (Hannover):
Wie es eigentlich gewesen -
Niccolò Machiavellis „Storie fiorentine“
und die Geschichtsschreibung der Renaissance
Zum
Vortrag:
Der Vortrag
gilt einem Postulat moderner Geschichtswissenschaft, das
frühzeitig in ein Diktum Leopold von Rankes Eingang fand. Zu
ermitteln, „wie es eigentlich gewesen“, sei die
Aufgabe des Historikers. In welcher Weise damit einer Reduzierung der
Perspektiven und Aufgaben des Historikers und der
Geschichtswissenschaft Vorschub geleistet und einer
selbstgenügsamen Reduktion und Stilisierung zum Nachteil der
Zunft das Wort geredet wird, steht im Zentrum der Überlegungen
und Betrachtungen zum Thema.
D. H.
Donnerstag,
den 15. Mai 2003
Prof. Dr. Marcelo Dascal (Tel Aviv / Leipzig):
Ein unbekannter Rationalist aus
Leipzig
Zum
Vortrag:
Pacidius
Philalethes oder Theophilus
oder Guilielmus Pacidius
- um einige der Pseudonyme zu benennen, die er nutzte - stammte
ursprünglich aus Leipzig, wo er als Gottfried Wilhelm Leibniz
getauft worden war. Er studierte in Leipzig, verließ aber die
Stadt, in der seine Familie weiterhin lebte, als ihm die Promotion an
der Universität zunächst verwehrt blieb und wurde ein
bekannter und einflussreicher Denker. Die Philosophiegeschichte ordnet
ihn traditionell dem Rationalismus zu, Art und Rahmen dieses
Rationalismus sind jedoch im Lauf der Zeit aufgrund der
Wechselfälle in Auswahl und Publikation seiner noch immer nur
unvollständig veröffentlichten Manuskripte
unterschiedlich bewertet worden. Im Licht der Fortschritte der Kritischen
Ausgabe seiner Schriften und
Briefe zeichnet sich nun ein bislang nicht gesehenes und erstaunliches
Bild der Auffassung des Leipziger Philosophen von der
Rationalität ab, das verschiedene Aspekte seines Denkens neu
beleuchtet.
M. D.
Donnerstag,
den 8. Mai 2003
Prof. Dr. Helmut Pfeiffer (Hannover):
Der ontologische Gottesbeweis.
Von Anselm über Descartes und Leibniz bis Gödel
Zum
Vortrag:
Seit vielen
Jahrhunderten versuchen denkende Menschen, ihren Glauben an ein
göttliches Wesen durch verstandesmäßige
Argumente zu unterstützen. Diese Bemühungen reichen
von Aristoteles bis Kant. Der so genannte ontologische
Gottesbeweis des Anselm von
Canterbury, der aus der Idee eines göttlichen Wesens auf seine
Existenz schließt, wurde von Descartes der mathematischen
Methode unterworfen. Leibniz ergänzte Descartes'
unvollständige Schlusskette. Gödel, einer der
bedeutendsten Logiker des vorigen Jahrhunderts, untersuchte die
logische Struktur der Vorgehensweise von Anselm, Descartes und Leibniz.
Nach eigenem Bekunden wollte er nicht den Gottesbeweis auf eine sichere
Grundlage stellen - ihm ging es um das logische System, in dem der
Beweis geführt wird.
H. P.
Donnerstag,
den 10. April
2003
Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Korff (Hannover):
„Kritik der reinen
Vernunft“, Goethe und „Werthers“ Lotte
Zum
Vortrag:
„Kritik
der reinen Vernunft“, Goethe und
„Werthers“ Lotte - was haben diese drei Titel
gemeinsam?
Die Dinge stehen durchaus nicht
in jenem Licht, das wir auf sie zu werfen gewohnt sind. Als Goethe
alias „Werther“ die 19jährige Charlotte
Buff zum ersten Mal sieht und die Szene im Werther
festhält, vermeint er eine Idylle zu erblicken, wo in
Wirklichkeit eine Notsituation vorliegt. Eine Situation zu verkennen,
indem man sie literarisch verwertet, bedeutet Wünschbarkeiten
in die Wirklichkeit zu bringen, nicht anders, wie es auch Leibniz in
seiner Theodizee
versucht, und damit anstelle der Einsicht und auch Einfühlung
„dialektischen Schein“ zu erzeugen. Auch die
Menschen stehen durchaus nicht in dem Licht, das wir auf sie zu richten
gewohnt sind.
Mit diesem Problem
beschäftigt sich Kant im Zweiten Hauptstück der Kritik
der reinen Vernunft, als er die
antinomische Struktur reiner Vernunfturteile untersucht und die Ursache
der Fehler in der Einschätzung einer Situation in drei
Schlüssen analog zur Kategorie der Modalität
aufdeckt: Im kategorischen, hypothetischen und disjunktiven
Vernunftschluss, den er drastisch „Euthanasie der reinen
Vernunft“ (KdrV B 434 Z. 25) nennt.
Mein Vortrag könnte
auch folgenden Titel tragen: Zur
Erkennbarkeit der Situation / Über die unverhoffte
Aktualität ästhetischer Analyse durch die
„Kritik der reinen Vernunft“.
F. W. K.
Donnerstag,
den 27. Februar
2003
Catherine Atkinson (Hannover):
Von Steuerschulden, Pesttoten
und anderen Kalamitäten: Das Tagebuch des Bernardo Machiavelli
im Quattrocento Florenz
Zum
Vortrag:
Beim Stichwort Quattrocento
Florenz fallen uns illustre
Namen wie Lorenzo de' Medici, Ficino, Brunelleschi und Botticelli ein.
Aber wie lebte der Mann auf der Straße im
fünfzehnten Jahrhundert, in Tuchfühlung mit den
Mächtigen und Kulturschaffenden dieser Weltstadt? Wenn die ricordanze,
die Tagebücher dieser Epoche, einer mikrohistorischen und
philologischen Analyse unterzogen werden, geben sie aufschlussreichen
Einblick in die Mentalität des florentinischen
Bürgers.
Eine besondere Stellung unter
den ricordanze
nimmt das Tagebuch des Bernardo Machiavelli ein, Vater des Politikers
und Humanisten Niccolò Machiavelli. Juristisch Gebildeter,
Gutsbesitzer und Buchliebhaber, ist Machiavelli beredter Zeuge des
florentinischen Alltags, wenn auch kein Schwätzer wie der
sensationsgierige Diario-Schreiber Luca Landucci. Hat man Machiavellis
oft kryptische Eintragungen mit ihrer Fachterminologie und dem
zeittypischen Jargon dechiffriert, geben sie den Blick frei auf einen
neuen urbanen Lebensrhythmus, geprägt von Zeit- und
Geldbewusstsein. Die nächste Pestepidemie, die Machiavelli
mühsam überlebt, vermag diesen Rhythmus nur
vorübergehend zu stören.
In Machiavellis Händen
gehört das Tagebuch zum mentalen Rüstzeug des um die
Zukunft besorgten, stets beschäftigten paterfamilias.
Umgeben von gewieften, streitlustigen Florentinern, die einen
Mitbürger nur zu gern über den Tisch ziehen, nutzt er
sein Tagebuch als Experimentierfeld, auf dem Konflikte ausgetragen und
Möglichkeiten des Konsenses ausgelotet werden.
C. A.
Freitag,
den
15. November
2002
Prof. Dr. Klaus Erich Kaehler (Köln):
Philosophisches Ende der Kunst
und ästhetische Autonomie. Die Herausforderung der
philosophischen Ästhetik durch die ästhetische Moderne
Zum
Vortrag:
Die
ästhetische Moderne nötigt die philosophische
Reflexion von Kunst zur radikalen Selbstkritik und
Selbstüberschreitung. Eine solche negative
Selbstbezüglichkeit liegt der philosophischen
Ästhetik jedoch von Anfang an zugrunde. Ihr philosophischer
Höhepunkt in der Ästhetik Hegels macht diese innere,
wesentliche Krise gerade erst völlig offenbar, indem er sie
nämlich auf grandios-einseitige Weise zur Entscheidung bringt.
K. E. K.
Donnerstag,
den 12.
September 2002
Prof. Dr. Ernst R. Sandvoss (St. Ingbert):
Vom homo sapiens zum homo
„spaciens“. Philosophische Implikationen der
Raumfahrt
Zum
Vortrag:
Nach einem
kurzen Rückblick auf die Anfänge der Raumfahrt sollen
aus philosophischer Sicht gegenwärtige Tendenzen und
zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten der Raumfahrt
dargelegt und ihre Rückwirkungen auf die Weiterentwicklung des
Menschen erörtert werden, wobei der Begriff homo
spaciens keine Neuformulierung
des Vortragenden ist, sondern aus Frank Whites vielbeachtetem Buch Der
Overview Effect
übernommen wurde.
E. R. S.
Dienstag,
den 18. Juni 2002
Dr. Gad Freudenthal (Paris):
Von Spanien über Polen
nach Berlin: Die mittelalterliche hebräische Wissenschaft in
der Berliner jüdischen Aufklärung
Zum
Vortrag:
Seit dem 12.
Jahrhundert haben sich jüdische Intellektuelle in Spanien und
der Provence die großen Schätze der
griechisch-arabischen Wissenschaften und Philosophie angeeignet. Dieser
Prozess der kulturellen Übertragung bekam einen enormen
Anschub durch die religiöse Legitimierung wissenschaftlicher
Studien durch Moses Maimonides (ca. 1135-1204) und soll in der ersten
Hälfte des Vortrags geschildert werden. Nach der Vertreibung
der Juden aus Spanien (1492) ließ die Beschäftigung
mit den Wissenschaften nach, und Juden wandten sich vor allem dem
Studium des Talmuds und der Kabbalah zu. Als jedoch gewisse
jüdische Kreise seit dem frühen 18. Jahrhundert in
Osteuropa das Studium der modernen Wissenschaften befördern
wollten, geschah dies durch die Wiederveröffentlichung
mittelalterlicher wissenschaftlicher und philosophischer Texte, die mit
eigenen Kommentaren nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen
versehen wurden. Zu den ersten Kommentatoren zählte Rabbi
Israel von Zamosc (1700-1773), der zwischen 1741 und 1765 in Berlin
wirkte und dessen Leben und Werk im zweiten Teil des Vortrags
beschrieben werden soll. Im Gegensatz also zur europäischen
christlichen Aufklärung, die einen Krieg gegen die
mittelalterliche Wissenschaft führte (Francis Bacon,
Descartes), benutzte die jüdische
Aufklärung (Haskalah)
gerade die mittelalterliche jüdische Literatur, um ihre
eigenen rationalistischen Positionen zu rechtfertigen.
G. F.
Donnerstag,
den 13. Juni 2002
Dr. Stephen Johnston (Oxford):
Ignorance is bliss? Becoming a
Copernican in Renaissance England
Zum
Vortrag:
How and why did
people come to accept Copernicus when there no universally agreed
empirical support for heliocentrism? I want to investigate the extent
to which being a bit 'ignorant' (of Renaissance philosophy and
learning) helped in this process. Was it easier for artisans and
practitioners to accept Copernicus than scholars?
S. J.
Donnerstag,
den 6. Juni 2002
Prof. Dr. Georg Meggle (Leipzig):
Terror und Gegen-Terror: Erste
ethische Reflexionen
Zum
Vortrag:
Was ist
Terrorismus? Was muss jemand tun oder planen, damit er zu Recht als
Terrorist gilt? Kann man Terroristische Aktionen verstehen? Oder
handelt, wer terroristisch agiert, per se irrational? Was ist es an
Terroristischen Akten, was sie, wie es heißt:
„für uns alle“ so verwerflich macht? Ist
Terrorismus etwas an sich Böses? Oder sind Fälle
zumindest denkbar, in denen terroristisches Handeln rechtfertigbar
wäre? Und schließlich: Ist im Kampf gegen den
Terrorismus alles erlaubt? Auch Gegen-Terror? Auch Kriege?
Das sind die Fragen, die ich
stelle; und auf diese Fragen werde ich auch eine Antwort geben.
G. M.
Donnerstag,
den 30. Mai 2002
PD Dr. Hans Pfefferer-Wolf (Hannover):
Wie sozial ist die
Sozialpsychiatrie?
Zum
Vortrag:
Die Frage nach
dem Sozialen
ist in unserer Gesellschaft - und nicht nur in der unseren - seit
geraumer Zeit prekär. Dies hat sich als problematisch erwiesen
für eine Psychiatrie, die sich als soziale
versteht. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich in
unserem Land, wie auch in anderen europäischen
Ländern, eine Reform der Psychiatrie entwickelt, die
unterschiedlich weit gedeihen konnte.
Auf dem Hintergrund der
problematischen Frage nach dem Sozialen wird die gegenwärtige
Gestalt und Perspektive der Sozialpsychiatrie erörtert. Und
dies zumal hier in Hannover, das in den 70er Jahren des letzten
Jahrhunderts eines der Zentren der Psychiatriereform darstellte.
H. P.-W.
Donnerstag,
den 28.
März 2002
Prof. Dr. Dr. Franz Schupp (Paderborn):
Logik und Koran in der
islamischen Kultur des Mittelalters
Zum
Vortrag:
Bei der
gegenwärtigen Problematik der Verhältnisbestimmung
der sog. „westlichen Welt“ zur sog.
„islamischen Welt“ wird zu wenig die historische
Dimension berücksichtigt. Die Wurzeln der aktuellen
Problematik gehen jedoch jedenfalls bis in das 13./14. Jahrhundert
zurück, und ohne ein Verständnis dieser Wurzeln ist
auch die aktuelle Situation nicht adäquat begreifbar. Vom
9.-12. Jahrhundert stand die islamische Kultur unter prägendem
Einfluss der griechischen Logik und Wissenschaft, was eine
Verhältnisbestimmung dieser Bereiche zu den Lehren des Korans
erforderte. Dies führte zu durchaus positiven, aber auch
gelegentlich problematischen Lösungsvorschlägen, die
auch gesellschaftliche und politische Konsequenzen hatten. Dies soll an
einigen Beispielen gezeigt werden, es soll aber auch gefragt werden,
was das Ende dieser griechisch-islamischen Kultur - die damals die
führende Kultur der Welt darstellte - verursacht hat.
F. S.
Dienstag,
den 29. Januar 2002
Prof. Dr. Arnold Ganser (Hannover):
Die neue
niederländische Sterbehilfe-Gesetzgebung - Vorbild
für Deutschland?
Zum
Vortrag:
Es werden
rechtliche und standesrechtliche Aspekte zur aktiven, passiven und
indirekten Sterbehilfe thematisiert. Durch die Erfolge der Medizin sind
Ängste vor einer menschenunwürdigen gewaltsamen
Lebensverlängerung geweckt worden, die den Wunsch nach
Selbstbestimmung bis hin zum Recht auf die Bestimmung des eigenen
Todeszeitpunkts motivieren. Die heutige Situation ist durch den
Abschied von der paternalistischen Arzt-Patienten-Beziehung
gekennzeichnet, der autonome Wille des Patienten darf jedoch nicht dazu
führen, dass dem Arzt ein Handeln gegen seine eigene
Selbstbestimmung abverlangt wird: Der Patientenwille darf vom Arzt
keine rechtswidrigen Handlungen einfordern oder ihn zu einem Handeln
gegen die eigene Moral verleiten wollen - im Konfliktfall
hätte der Arzt hier den Patienten an einen Kollegen abzugeben;
beim nicht einwilligungsfähigen Patienten entscheidet der
mutmaßliche Wille, besser aber die
Patientenverfügung.
Ca. 80 % der Patienten, die
aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen, leiden an Krebserkrankungen - in
den Niederlanden waren 1995 ca. 3200 Fälle aktiver Sterbehilfe
(davon ca. 900 ohne Äußerung des Patienten) und ca.
400 Fälle von ärztlich unterstützter
Selbsttötung (physician's assisted suicide) bekannt. Die
Höhe des Anteils an Tumorpatienten und die Häufigkeit
der nicht freiwilligen Euthanasie sind nach Auffassung des Referenten
Ausdruck nicht ausreichender palliativmedizinischer
Möglichkeiten. Es bleibt auch zu konstatieren, dass die
Bereitschaft eines Arztes zur aktiven Sterbehilfe von seiner
Weltanschauung abhängt.
In Deutschland bestehen seit
1988 Richtlinien der Bundesärztekammer zur ärztlichen
Sterbebegleitung, die dem Patienten ein Leben und Sterben in
Würde ermöglichen. Sie helfen bei der
Entscheidungsfindung, ohne dem Arzt die Entscheidung in einer konkreten
Situation abzunehmen - die Richtlinien lehnen eine aktive Sterbehilfe
eindeutig ab und thematisieren das Recht des Patienten auf Behandlung,
Pflege und Zuwendung, das Recht auf ein menschenwürdiges
Dasein, die Verpflichtung zur wahrheitsgemäßen
Unterrichtung des Patienten sowie die Berücksichtigung des
Patientenwillens bzw. des mutmaßlichen Patientenwillens.
Antwort auf die Euthanasiefrage
liefert nach Auffassung des Referenten die Palliativmedizin, d. h. die
(Lehre der) Behandlung von Patienten mit einer nicht heilbaren, weit
fortgeschrittenen und fortschreitenden Erkrankung mit dem Hauptziel der
Verbesserung der Lebensqualität. Die Palliativmedizin ist eng
mit der Hospizbewegung verbunden und als Lebenshilfe anzusehen: Sie
sollte die Frage nach Euthanasie überflüssig werden
lassen.
A. G.
Donnerstag,
den 6. Dezember
2001
PD Dr. Marin Trenk (Hannover):
Ein „weißer
Indianer“: Der Frühaufklärer und
Sozialutopist Christian Gottlieb Priber bei den Cherokee.
Zum
Vortrag:
In der
Kolonialgeschichte Nordamerikas haben viele Europäer die
Lebensweise der Ureinwohner übernommen und sind
„weiße Indianer“ geworden. Der vergessene
deutsche Jurist und Frühaufklärer Christian Gottlieb
Priber (1697-1745) war einer der faszinierendsten unter diesen
Zivilisationsflüchtlingen. Priber mußte Sachsen
verlassen und fand Asyl bei den Cherokee. Er führte das Leben
eines kulturellen Überläufers, verfaßte
eine Sozialutopie (Das
Königreich Paradies)
und machte sich an ihre Verwirklichung. Aber die
unzeitgemäßen Grundsätze seines Projekts -
Gemeinbesitz, gleiche Rechte für Männer und Frauen,
Gleichheit aller Menschen, ob Weiß, Rot oder Schwarz,
Zuflucht für entlaufene Sklaven, Vereinigung aller
indianischen Völker - trugen ihm die Feindschaft der
britischen Kolonisatoren ein. Der Vortrag will einen Überblick
über die historische Erscheinung „weiße
Indianer“ geben und das Leben und Werk des wahrscheinlich
einzigen Utopisten rekonstruieren, der eine ideale gesellschaftliche
Ordnung unter dem unmittelbaren Eindruck einer
außereuropäischen Kultur entwickelt hat.
M. T.
Freitag,
den
16. November
2001
Prof. Dr. André Robinet (Orchaise):
Géopolitique et
Cosmopolitique dans l'oeuvre de Leibniz
Zum
Vortrag:
Parmi les
données de A VI, 4, une occurrence de
«Cosmopolitica» apparaît dans l'apparat
critique si complexe que la très belle édition de
M. Schepers nous fait connaître. Est-ce à dire que
Leibniz aurait établi les bases d'une
«cosmopolitique» avant Kant, à qui nous
attribuons ordinairement l'origine lexicale et conceptuelle de ce
terme. Mais s'agit-t-il bien d'un même concept? N'y a-t-il
pas une interférence entre géopolitique,
cosmopolitique et théopolitique qu'il faudrait
éclaircir sémiotiquement,
sémantiquement et doctrinalement? André Robinet
nous fera part des lignes principales de ses interventions
récentes dans les colloques leibniziens, aussi bien que du
livre qui paraît sur ce sujet de la
«cosmopolitique» leibnizienne.
A. R.
Freitag,
den
16. November
2001
Prof. Dr. Hans Poser (Berlin):
Eselsbrücken. Zwischen
Bilderwelten und Weltbildern
Zum
Vortrag:
Eselsbrücken
sind in Vergessenheit geraten; dabei dienten sie zur bildlichen
Darstellung logischer Beziehungen. Ausgehend von einer Abbildung aus
dem Jahre 1514 sollen mehrere Illustrationen zur Logik - scheinbar eine
spröde Angelegenheit - von formalen Darstellungen
über bildhafte Wiedergaben von der Renaissance bis in das 18.
Jahrhundert in ihrem Weltbildcharakter beleuchtet werden.
H. P.
Donnerstag,
den 25. Oktober
2001
Prof. Dr. Dr. h. c. Gerd-Günther Grau (Hamburg):
Skepsis, Glaube und Humor -
Wilhelm Busch: Von Schopenhauer zu Kohelet
Zum
Vortrag:
Dass der Humor
eine ernste Angelegenheit ist, weiss jeder, der ihn hat. Der
dänische Theologe Sören Kierkegaard sieht in ihm das
„Inkognito des Religiösen“. Durchweg sind
es Skeptiker, die sich in den Humor vor dem wohlverspürten
Anspruch des Religiösen zurückziehen, dem sie sich
nicht gewachsen fühlen: von Jean Paul über Heine bis
zu Wilhelm Busch, den eine „philosophische
Erkältung“ daran hindert, das „Boot des
Glaubens“ zu besteigen, das ihn zum „andern Ufer
des Stroms“ bringen würde, an dem der heilige
Augustinus auf ihn wartet (Brief an den Dirigenten Hermann Levi).
Der Humor lässt also
die Idee an der Wirklichkeit scheitern, das macht seinen Pessimismus
aus; aber er gibt die Idee nicht auf, die ihn die Wirklichkeit ertragen
lässt - darin liegt seine verborgene
Religiösität.
Bei Wilhelm Busch lassen sich
beide Komponenten des Humors aufzeigen - in den (bisher vornehmlich
betonten) Anklängen an Schopenhauer wie in den (kaum
beachteten) Parallelen zum Verfasser des Prediger Salomo (Kohelet).
G.-G. G.
Donnerstag,
den 20.
September 2001
Prof. Dr. Johanna Geyer-Kordesch (Glasgow):
Brücken ins
Phantastische: Landschaftsgärten, Neoklassizismus und der
Blick in die Ferne
Zum
Vortrag:
In diesem
Vortrag versuche ich die Naturgestaltung im Landschaftsgarten mit der
Herstellung einer verzauberten Welt, sei sie mit den Göttern
der Antike oder der Bewunderung ferner Länder verbunden, zu
vereinen. Die Anregung zum Träumen und zur Entgrenzung der
Alltagswelt, markiert durch Kahnfahrten, Wassernymphen, Tempelbauten
und die Sehnsucht nach Elysium, entbindet die Phantasie, die gleiche
menschliche Fähigkeit, die auch in der Erzählung und
im Märchen neue Welten erschließt und den Menschen
eine spielerische Freiheit ermöglicht. Der Garten und das
Märchenhafte waren wichtige Orte das Gleichgewicht
wiederzugewinnen, das dem Rationalismus und dem Utilitarismus der
Aufklärung abhanden gekommen war. Ich möchte einen
Bogen ziehen von der Freude an der Natur und dem Zauber des
Landschaftsgartens über die Lust an der Antike
(Neoklassizismus) bis zum genius
loci in der Landschaftsmalerei
(hauptsächlich J. W. Turner).
J. G.-K.
Donnerstag,
den 19. Juli 2001
Prof. Dr. Warren Breckman (Philadelphia):
Die Entthronung des Selbst:
Marx, die Junghegelianer und der Streit um den Begriff der
Persönlichkeit
Zum
Vortrag:
„[...]
so gilt es jetzt, sozusagen, ein Reich zu stiften, das Reich der Idee,
des sich in allem Dasein schauenden und seiner selbst
bewußten Gedankens, und das Ich, das Selbst
überhaupt, das, seit Anfang der christlichen Ära
besonders, die Welt beherrscht hat und sich als den einzigen Geist, der
ist, erfaßt hat und als absoluten, den wahren absoluten und
objektiven Geist verdrängenden Geist geltend machte, von
seinem Herrscherthron zu stoßen [...]“, schrieb
Ludwig Feuerbach im Jahre 1828 in einem kühnen Brief an Hegel.
Feuerbachs Kriegserklärung gegen die christliche Auffassung
des Selbst, verfaßt im Namen des „Reichs der
Idee“, antizipierte einen Konflikt zwischen dem sich
formierenden Linkshegelianertum der 1830er Jahre und der christlich
geprägten Kultur des Preußischen Staates, der im
Zentrum der Auseinandersetzung zwischen beiden Kräften stehen
sollte. Der von Feuerbach vorweggenommene Konflikt setzte dem Modell
des Selbst, wie es die christliche Doktrin der Inkarnation implizierte,
die junghegelianische Idee eines kollektiven menschlichen
Gattungswesens entgegen. Zugleich verstand sich die junghegelianische
Idee einer menschlichen Gemeinschaft als Angriff auf die politische
Theologie der Restauration und deren Bemühen, die
persönliche Souveränität des Monarchen
wieder zu sakralisieren, d. h. das königliche
„Selbst“ auf dessen Thron zu setzen. Der Vortrag
untersucht die Verschmelzung von Politik und Theologie in den Debatten
über „Persönlichkeit“, einer der
entscheidenden Fragen in den 1830er Jahren, die das Lager der
Hegelianer von dessen Gegnern und, vor allem nach dem Erscheinen von
Strauß' Das Leben
Jesu, die Rechtshegelianer von
den Linkshegelianern trennte. Wie gezeigt werden wird, stellte das
intensive Interesse an dem Konzept der
„Inkarnation“ sowohl in seiner theologischen wie
seiner politischen Form eine Nachwirkung der Französischen
Revolution dar, d. h. des demokratischen Umsturzes des Prinzips der
Verkörperung politischer Herrschaft. Karl Marx, Ludwig
Feuerbach, Arnold Ruge und andere Linkshegelianer strebten danach, sich
das demokratische Prinzip einer unpersönlichen, d. h.
körperlosen Herrschaft zu eigen zu machen, wobei sie jedoch
mit der steten Versuchung konfrontiert waren, die demokratischen
Gewalten erneut in eine Form von Inkarnation zu gießen. Von
dieser Beobachtung ausgehend schließt der Vortrag mit einer
Reflexion zweier nachfolgender, von Marx und Feuerbach angedachter
Wege: während das Marxsche Modell sich in Richtung einer
Metasubjektivität des Proletariats entwickelte, zielte
Feuerbachs Nachdenken auf eine Neukonzeptionalisierung des Konzepts der
Verkörperung ab.
W. B.
Donnerstag,
den 28. Juni 2001
Prof. Dr. Renate Wahsner (Berlin):
Der Ernst, der Schmerz, die
Geduld und Arbeit des Negativen. Bemerkungen zu einer Theorie der
Dialektik
Zum
Vortrag:
In der Vorrede
zur Phänomenologie
schreibt Hegel: „Das Leben Gottes und das göttliche
Erkennen mag also wohl als ein Spielen der Liebe mit sich selbst
ausgesprochen werden; diese Idee sinkt zur Erbaulichkeit und selbst zur
Fadheit herab, wenn der Ernst, der Schmerz, die Geduld und Arbeit des
Negativen fehlt“ [3/24].
Der Vortrag will deutlich
machen, dass diese Stufe des Negativen, des Auseinander auch in der
philosophischen Behandlung der Wissenschaften ernstgenommen werden
muss. Er wendet sich gegen Konzepte von Dialektik, die nicht schnell
genug zur sogenannten dialektischen Einheit kommen können, zum
vermeintlichen Gesamtzusammenhang, die eine Dialektisierung der
Wissenschaften anstreben, die zwar akzeptieren, dass die
Fachwissenschaften einen anderen Status haben als ein philosophisches
System, darin aber ihren Mangel sehen, der möglichst schnell
beseitigt werden muss.
Wenn Dialektik aber als
Aufhebung der Isolierung begriffen wird, dann wird sie verschieden
sein, je nachdem, wie die Isolierung beschaffen ist, die aufgehoben
wird. Hieraus folgt, dass aus philosophischem Interesse, und zwar aus
allgemein-philosophischem, nicht lediglich wissenschaftstheoretischem
Interesse, der Charakter oder Status der Fachwissenschaften sehr
gründlich analysiert (er ist uns noch keineswegs hinreichend
bekannt) und gewürdigt werden muss, dass das Stadium der
Isolierung, das die Fachwissenschaften reprä:sentieren,
ernstgenommen werden muss.
Sowohl Kant als auch Hegel,
beide hielten - wenn auch nach unterschiedlichen Prinzipien - eine
Untersuchung der Naturwissenschaft für erforderlich, um die
philosophischen (in gewissem Sinne könnte man auch sagen: die
metaphysischen) Fragen, die sie quälten, beantworten zu
können. Heutige Bemühungen um eine Theorie der
Dialektik sollten nicht leichtfertig diese Notwendigkeit
übergehen.
R. W.
Donnerstag,
den 10. Mai 2001
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Erwin Stein (Hannover):
Die Entwicklung der Optimierung
und Variationsrechnung von Newton bis Lagrange
Zum
Vortrag:
Die
Lösung von Optimierungsproblemen der Mechanik und Mathematik
begann im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts mit der von Isaac Newton
im Jahre 1687 in den Principia
beschriebenen Rotationsfläche kleinsten Widerstandes in einem
Strömungsfeld sowie dem von Johann Bernoulli im Jahre 1696
gestellten Brachistochronenproblem (gesucht ist die Bahnkurve mit der
kürzesten Zeit für eine reibungslos herabgleitende
Punktmasse), das von den bedeutendsten Forschern dieser Zeit
entschlüsselt und dessen Lösung im Jahre 1697
veröffentlicht wurde. Besonders ideenreich ist hier die
geometrische Lösung von Gottfried Wilhelm Leibniz.
Voraussetzung für die Lösung solcher
Optimierungsprobleme war die von Newton und Leibniz erfundene
Differential- und Integralrechnung.
Im 18. Jahrhundert spielte das
Prinzip des kleinsten Zwanges (nach Euler (1744), Maupertuis (1740,
1753) u. a.) mit verschiedenen Anwendungen eine wichtige Rolle.
Im Jahre 1744
veröffentlichte Leonhard Euler seine Theorie der
Variationsrechnung mit Hilfe geometrischer Grundüberlegungen,
die zur Eulerschen Differentialgleichung für die Extremale
eindimensionaler Probleme führt.
Joseph Louis de Lagrange
gelingt auf analytische Weise mit der Einbettung der Extremale in eine
Schar von zulässigen Testfunktionen ein erster Abschluss der
Variationsrechnung. Sein zweibändiges Werk Mécanique
Analytique aus dem Jahre 1788
enthält die umfassende Anwendung auf die Elastodynamik
bewegter elastischer Körper.
Als grundlegende Folgerungen
dieser Entwicklung werden von Lejeune Dirichlet und William Rowan
Hamilton im 19. Jahrhundert die energetischen Extremalprinzipe der
Elastostatik und Elastdynamik formuliert, die Höhepunkte der
in der Zeit der Aufklärung entstandenen klassischen Physik
sind.
E. S.
Mittwoch,
den 25. April 2001
Prof. Dr. Edo Pivčević (Oxford):
Macht soziale Gleichheit einen
Sinn?
Zum
Vortrag:
Ist soziale
Gleichheit moralisch verbindlich? Hat sie einen moralischen Wert? Wie
immer sie interpretiert wird (als Gleichheit vor dem Gesetz,
Chancengleichheit usw.), sie braucht eine Begründung - und
eine Begründung ist schwerer zu finden als es
zunächst scheinen mag: Das Problem wird im Hinblick auf Kant
und einige moderne Theorien der Gerechtigkeit untersucht.
E. P.
Donnerstag,
den 8. Februar
2001
Prof. Dr. Michael Wolff (Bielefeld):
Die Reinheit der reinen Logik:
Kant und Frege
Zum
Vortrag:
Gottlob Frege
(1848-1925) hat mit seiner Begriffsschrift
von 1879 die moderne mathematische Logik begründet. Frege nahm
an, aus den Prinzipien des logischen Systems der Begriffsschrift
könnten alle Regeln der
durch Aristoteles begründeten Syllogistik deduktiv hergeleitet
werden. Auf dieser Annahme beruht die Ansicht, die moderne
mathematische Logik enthalte die Syllogistik als spezielles Teilgebiet,
und so wie Einstein die Physik revolutioniert habe durch den Nachweis,
dass die Newtonsche Mechanik aus den Gesetzen der
Relativitätstheorie folgt, habe Frege die Logik
revolutioniert. - Der Vortrag Die
Reinheit der reinen Logik: Kant und Frege
soll zeigen, dass Freges Annahme abhängt von der (mehr als
fragwürdigen) Voraussetzung, dass die mathematische Logik in
demselben Sinne als reine Logik
gelten dürfe wie die Syllogistik.
M. W.
Dienstag,
den 16. Januar 2001
Prof. Dr. Armin von Bogdandy (Frankfurt am Main):
Gubernative Rechtsetzung -
Sündenfall oder Zukunftsmodell?
Zum
Vortrag:
Die
Rechtsetzung ist in der Bundesrepublik wie in den meisten
europäischen Staaten exekutiv oder besser: gubernativ
beherrscht. Dem Parlament kommt bei der inhaltlichen Gestaltung des
Rechts nur noch eine nachgeordnete Stellung zu. Nach der ganz
herrschenden Lehre handelt es sich hierbei um eine Fehlentwicklung. In
meinem Vortrag werde ich hingegen versuchen zu zeigen, dass es sich
hierbei im Grunde um eine sinnvolle und verfassungsrechtlich
zulässige Anpassungsstrategie an ein schwieriges
gesellschaftliches Umfeld handelt, wenn eine Reihe von Voraussetzungen
beachtet wird.
A. v. B.
Donnerstag,
den 7. Dezember
2000
Volker Wittich (Blankenburg):
Der Baumeister der
Braunschweiger Herzöge Hermann Korb und seine Schlossanlagen
in Salzdahlum bei Braunschweig, Hundisburg bei Helmstedt und
Blankenburg/Harz
Zum
Vortrag:
Der Referent
hat bis 1975 im Südflügel der Schlossanlage
Hundisburg gewohnt und so ein frühes Interesse an
Schlossanlagen gefunden, welches durch das spätere Studium der
Gartenarchitektur noch gefördert wurde - seit 1982 wohnt er
(mit Unterbrechungen) in Blankenburg im Harz, betreibt intensive
Vergleichsstudien zwischen den Schlossanlagen in Hundisburg und
Blankenburg und hat sich insofern auch auf die Spuren von Leben und
Werk des Baumeisters Hermann Korb (1656-1735) begeben, mit dem er sich
auseinandersetzt: Anlässlich dessen 265. Todestages am 23.
Dezember 2000 werden die drei ausgewählten Schlossanlagen
(Salzdahlum, Hundisburg und Blankenburg) zum besseren
Verständnis der Vorgehensweise des Erbauers in einem
Folienvortrag (ca. 40 Folien) vorgestellt.
V. W.
Freitag,
den
17. November
2000
Prof. Dr. Heinrich Schepers (Münster):
Der junge Leibniz auf den
Spuren der Logik der Stoa
Zum
Vortrag:
In seiner
systematischen Behandlung der juristischen Lehre von den Bedingungen
bewies der junge Leibniz ein erstaunliches Geschick beim
Aufspüren logischer Regeln im Wust der Fallentscheidungen der
römischen Rechtsquellen. Lobend nennt er die
römischen Juristen Schüler der Stoiker, was wir
heute, gestützt auf die moderne mathematische Logik,
bestätigen können. Der Vortrag versucht diese
Leistung an markanten Beispielen deutlich werden zu lassen.
H. S.
Donnerstag,
den 2. November
2000
Prof. Dr. Jörg Drews (Bielefeld):
Ein kleiner Dichter und ein
großer Kritiker. Der Hannoveraner Werner Kraft in Deutschland
und in Jerusalem
Zum
Vortrag:
Wer war Werner
Kraft? Sieben der Bücher des Philologen und Kritikers, des
Dichters und des Weisen sind im Buchhandel zu haben - dahinter aber
steht ein reiches und bescheidenes Leben im Dienste der deutschen
Sprache und des deutschen Geistes, an denen Werner Kraft auch in den
fast sechzig Jahren festhielt, in denen er von 1934 bis 1991 in
Palästina/Israel lebte. Der Vortragende entwirft ein
Porträt dieses Hannoveranischen Bibliothekars, den die
Zeitläufte in den Nahen Osten verschlugen und der ein
deutscher Schriftsteller blieb.
J. D.
Donnerstag,
den 12. Oktober
2000
Prof. Dr. Constanze Peres (Dresden):
Schönheit
Zum
Vortrag:
Der Vortrag
versucht zu einer neuen Grundlegung des Begriffs der Schönheit
zu kommen. Danach ist sie die allgemeinste, grundlegende und
unhintergehbare ontosemantische
Wertkonstellation des
Ästhetischen. Diese Konstellation ist semantisch, sofern sie
notwendig in Urteilen des Typs x
ist schön symbolisiert
wird. Sie ist eine ontische Konstellation, sofern sich im
Schönheitsurteil überhaupt erst die Wertkonstellation
zwischen dem Beurteilten und der beurteilenden Instanz konstituiert.
Die Konstitution des (Sach)Verhaltes Schönheit
kann auf Seiten ästhetischer Kognition näher als eine
in der Beurteilung zustandekommende Spannung zwischen Affirmation und
Irritation charakterisiert werden. Dies ist jedoch nicht
subjekttheoretisch zu verstehen, denn an der ästhetischen
Wertkonstellation ist dasjenige, was als schön
beurteilt wird, ebenso konstitutiv beteiligt wie die wertende Instanz.
C. P.
Die
Referentin hat uns den vollständigen Text des Vortrags zur
Verfügung gestellt – Sie finden ihn hier
im doc-Format (Copyright bei der Autorin).
Donnerstag,
den 7. September
2000
PD Dr. Wenchao Li (Berlin):
Gottesbilder - Gedanken
über Christentum, Konfuzianismus und Buddhismus
Zum
Vortrag:
Aus
christlicher Perspektive wurden seit Jahrtausenden Menschen in Christen
und Heiden unterteilt: Begriffe wie Atheismus, Idolatrie und
Götzendienst haben die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen
und Religionen geprägt. Anhand des buddhistischen und des
konfuzianischen Menschenbildes und der dahinter stehenden Gottesbilder
wird im Vortrag gezeigt, dass derartige Begriffe überholt und
nicht mehr geeignet sind, interkulturelle und interreligiöse
Dialoge sinnvoll zu gestalten. Vielmehr sind es rituelle Etiketten, die
die Religionen voneinander unterscheiden, während im
moralischen und metaphysischen Bereich Gemeinsamkeiten vorherrschen.
W. L.
Donnerstag,
den 22. Juni 2000
Prof. Dr. Uwe Pörksen (Freiburg):
Haben die Deutschen ihre
Sprache seit jeher vernachlässigt? Über die
staatsunabhängige Herausbildung einer deutschen Gemeinsprache
Zum
Vortrag:
Die Klage
darüber, dass wir unsere Sprache vernachlässigen, ist
vermutlich so alt wie das Bewusstsein, eine nationale Sprache zu haben.
Ist sie gegenwärtig besonders begründet? Es lohnt, in
die Geschichte zurückzublicken:
Die deutsche Gemeinsprache
wurde herausgebildet, lange bevor es einen deutschen Staat und den
Willen zu einer nationalen Staatsbildung gab. Wir waren eine
Kulturnation, mit einer Kultursprache Deutsch. Unsere Sprachlandschaft
ist tiefer vom Latein geprägt, als uns zumeist bewusst ist.
Zweisprachigkeit ist tausend Jahre, Dreisprachigkeit Jahrhunderte ein
Normalzustand. Eine Auseinandersetzung mit den Nachbarsprachen, mit dem
lateinischen Hintergrund, Aneignung des Fremden, Übersetzung
und Assimilation bringt im Gegenzug eine durchsichtige
öffentliche Gemeinsprache hervor. Sprachkritik, insbesondere
die programmatische Schrift Unvorgreiffliche
Gedancken von Leibniz, wird zum
Motor der Sprachgeschichte (besonders im 18. Jahrhundert). - Was
bedeutet der Blick in die Geschichte für eine
mögliche sprachliche Zukunft im 21. Jahrhundert?
U. P.
Mittwoch,
den 7. Juni 2000
PD Dr. Wilhelm Schmid (Berlin/Erfurt):
Zur Neubegründung
einer Philosophie der Lebenskunst
Zum
Vortrag:
Die 1998
erschienene Philosophie der
Lebenskunst (eine
Habilitationsschrift) liegt unterdessen in 7. Auflage vor und hat auch
bei den Medien Interesse gefunden. Die wichtigsten Thesen dieses
philosophischen Ansatzes werden im Vortrag vom Autor vorgestellt und
können anschließend diskutiert werden. Der Referent
rekurriert darauf, dass die Frage nach der individuellen
Lebensführung in der Philosophiegeschichte, vor allem in der
antiken Philosophie, eine wichtige Rolle spielte, die sich jedoch in
der Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts verloren hat. In der Gegenwart
käme es darauf an, diese Geschichte wieder zu entdecken und
Überlegungen zu einer philosophisch reflektierten, bewussten
Lebensführung im Hinblick auf die Herausforderungen des Lebens
im 21. Jahrhundert anzustellen.
W. S.
Donnerstag,
den 24. Februar
2000
Prof. Dr. Luigi Cataldi Madonna (L'Aquila):
Humes skeptisches Argument
gegen die Vernunft
Zum
Vortrag:
Der Vortrag
besteht aus vier Teilen. Zunächst gehe ich auf Humes
Argumentation gegen die Verlässlichkeit der Vernunft und ihre
Rekonstruktion durch DeWitt ein. Im zweiten Teil erörtere ich
einen Einwand gegen DeWitts Rekonstruktion und frage, wie Hume seine
These, keine Aussage sei gewiss, rechtfertigen kann und aus welchem
Grund er seine skeptische Argumentation vorträgt. Im dritten
Teil erläutere ich die Inkonsistenz zwischen der Argumentation
gegen die Verlässlichkeit der Vernunft und anderen Teilen des Treatise.
Abschließend schlage ich eine Modifikation der Argumentation
vor, die die Natur der proofs
berücksichtigt und die angesprochene Inkonsistenz
auflösen kann.
L. C. M.
Dienstag,
den 8. Februar 2000
Dr. Kristiane Burchardi (Bremen):
Kunstschutz zwischen Weltkunst
und Beutekunst. Der deutsch-russische Streit um die kriegsbedingt
verlagerten Kulturgüter.
Zum
Vortrag:
Die
Auseinandersetzung um die sogenannte ‚Beutekunst‘
belastet seit Jahren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland.
Der Vortrag möchte eine Bestandsaufnahme des Problems mit
einem konkreten Vorschlag zu dessen Lösung verbinden:
- Ein Überblick
über die Geschichte
der ‚Beutekunst‘
zeigt die Relativität der Standpunkte in bezug auf
Eigentumsansprüche und Entschädigungsforderungen.
- Eine
Analyse
der bisherigen Verhandlungen
offenbart, dass bislang nationalistisch motivierte Stimmungen in
Russland einerseits und das Beharren der Bundesregierung auf dem
Rechtsstandpunkt andererseits eine produktive Lösung
verhindert haben.
- Das Problem wird in einem
gesamteuropäischen Zusammenhang als Chance für die
deutsch-russische Verständigung reflektiert. Diese ist dann
möglich, wenn beide Seiten auf ihre nationalen
Eigentumsansprüche verzichten und die
‚Beutekunst‘ als Teil einer gemeinsamen
europäischen Identität begreifen. Auf einen solchen
Einstellungswechsel zielt die Formulierung
eines Lösungsvorschlages,
der über die bisherigen Ansätze hinausgeht.
K. B.
Donnerstag,
den 20. Januar
2000
PD Dr. Uwe Neddermeyer (Köln):
Der Historiker Leibniz vor dem
Hintergrund der frühneuzeitlichen Historiographie und der
zeitgenössischen Geschichtskenntnisse
Zum
Vortrag:
In der
frühen Neuzeit wurde das Fach ‚Geschichte‘
und die Entwicklung der Geschichtswissenschaft zwar durch einzelne
bedeutende Gelehrte sehr gefördert. Die allgemeinen
Darstellungen blieben jedoch mit wenigen Ausnahmen
überkommenen mittelalterlichen Konzepten verhaftet, die von
Philipp Melanchthon wenig verändert auf die
frühneuzeitliche Historiographie übertragen worden
waren: Die Werke wurden im Umfeld der Fürsten geschrieben oder
von weltlichen bzw. kirchlichen Institutionen getragen, zu
großen Teilen aus älteren Vorlagen kompiliert,
orientierten sich an der Form der ‚Weltchronik‘
bzw. ‚Historia universalis‘ und dienten der
Vermittlung eines linearen christlichen Vergangenheitsbildes, das auf
der biblischen Geschichte aufbaute. Die Kenntnisse breiterer Kreise
beruhten allein auf der Lektüre solcher traditioneller
Gesamtdarstellungen. Der Vortrag versucht die Frage zu beantworten, ob
und wie sich Leibniz' Vorstellungen von der
‚Historia‘ und seine historischen Werke von diesem
Hintergrund abheben.
U. N.
zum
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